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Stillkongress 2015

Vom 24. bis 26. September 2015 brachte der 10. Dt. Still- und Laktationskongress Hebammen, Kinderkrankenschwestern und Wissenschaftler in Berlin zusammen. Während der Veranstaltung erstellte ich zu einer Auswahl spannender Themen Berichte und führte Interviews. Die Lektüre lohnt sich für Fachfrauen und für interessierte Eltern. 

Neuer Nachweis: Muttermilch ist natürliche Medizin fürs Baby

Prof. Dr. med. Bodo Melnik von der Universität Osnabrück präsentierte auf dem 10. Dt. Stillkongress neue Erkenntnisse der Milchforschung. Sein Vortrag zum Thema "MikroRNA, die Software der Milch, fehlt in künstlicher Säuglingsnahrung" lockte viele Hebammen und Kinderkrankenschwestern auf die Zuhörerplätze.

Prof. Melnik erläuterte den Wandel der Sichtweise auf Muttermilch vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis in die 30er Jahre. Während Muttermilch zunächst von der Kinderheilkunde als Geburtsrecht jedes Säuglings angesehen wurde, galt sie in der amerikanischen Pädiatrie um 1930 lediglich als ein Nahrungsmittel, das auch künstlich nachgeahmt werden konnte.

Die von Melnik vorgestellten Forschungsergebnisse zur Funktion der MikroRNA der Milch widersprechen dieser fatalen Fehleinschätzung. Dem Forscher zufolge arbeitet Milch nach dem Prinzip eines Virusinfekts: Sie enthält Partikel von der Größe eines Virus, sogenannte Exosomen. Diese übertragen genregulatorisch wirksame kleine Ribonukleinsäuren, die MikroRNA, auf das Neugeborene. Wie eine Art "Software der Milch" trag die MikroRNA in der Entwicklung des Säuglings maßgeblich zur metabolischen Programmierung, zur Reifung des Immunsystems sowie zur Prävention von Allergien bei.

In künstlicher Säuglingsnahrung fehlt die MikroRNA. Dies könnte erklären, warum Stillen bzw. die Zufuhr ungekochter Kuhmilch im Kleinkindalter einen allergiepräventiven Effekt hat. Melnik forderte ein Zurückbesinnen auf den hohen Stellenwert der Muttermilch. Das evolutionäre Wunderwerk sei vom technisierten Mensch noch lange nicht nachahmbar.

Hebammen und Laktationsberaterinnen spielen durch Fördern des Stillens eine wichtige Rolle bei der Primärprävention von Zivilisationskrankheiten.

"The Milky Way" - Stilldokumentation über Deutschland, Schweden und die USA

Was in aller Welt treibt eine Erfolgsmusikerin wie Alanis Morissette ins Team des US-Stillstreifens „The Milky Way“, der im stillfeindlichen Amerika wohl kaum zum Blockbuster aufsteigen wird? Vermutlich handelte die Sängerin aus derselben Überzeugung und Leidenschaft fürs Stillen wie die Filmemacherinnen Chantal Molnar und Jennifer Davidson. Wir trafen die beiden bei der Europa-Premiere ihres Film auf dem Dt. Stillkongress in Berlin.

Both of you are professional nurses. How did it come that you made a whole movie about breastfeeding

Chantal: As nurses we talked to young moms all the time and every one of them had similar issues: How do I know my baby is getting enough milk when it sleeps through the night etc.? We realized, that we need a way to get this information to all women, not just one at a time.

What is the main message of „The Milky Way“?

Chantal: Our bodies where made to breastfeed. So it’s a very natural thing. When a woman puts her baby on her chest and the beginning of mothering happens just by that contact, skin to skin. Due to all that hormones she does not have to learn it. She needs to be supported to just let that baby live on her chest and the baby knows how to find its way. A mother can trust her body and trust her breast to deliver the milk.

Jennifer: First of all we look at the problems in the US and then we look at Europe to show alternatives to how we do it. Besides we show how this whole thing got turned around by companies. We want mothers to have the feeling: I can do that. And I want to do that.

Your movie takes place in the US, Germany and Sweden. What are the main differences regarding breastfeeding?

Chantal: Here in Germany you do have a midwife that will come to your house every day for free. Even for six weeks, if you need it. That is so much support from people who show young moms many things and make them feel very confident. And there is more time-off for people who have babies. 

Jennifer: The US does not have mandated payed maternity leave. Though some companies give it, but most do not. That makes a big difference.

Chantal: And just the whole cultural norm about breastfeeding. In Sweden the situation is like this: Their mothers did it, their grandmothers did it, so of course young moms will do it, too. In America it ist different, because our parents bottle-fed.

What origins does the american tradition of bottle-feeding have?

Chantal: Our parents bottle-fed because in the industrial age everything men-made seemed to be better. People trusted that over nature.

Jennifer: In the film we talk to an elder woman who bottle-fed her children. When she asked her doctor "What do I need to prepare to breastfeed?", he replied "Why would you wanna do that? You’re not a cow." She is an american woman in her eighties. When she was twenty, that’s what her doctor said.

How can two nurses start ahuge project like that?

Chantal: Jennifer works in Santa Monica, California, and a lot of film industry professionals come to her.

Jennifer: That's true. I have a lot of movie producers, directors and movie stars. And a couple of them were willing to be in the film or to help us. Especially one of my patients, she made a documentary herself, was very lovely and said: You can do this! That encouraged us. We struggled for about five years. Than we found a guy who decided to become our director and we started paying him out of our pockets.

Who gave the money for „The Milky Way“?

Chantal: We did one fundraiser and two of Jennifers clients also gave generous donations. The fundraiser was about 12 000 Dollars and the patients gave about 10 000. Then we did Kickstarter and got about 50 000. Little things were paid by our private credit cards.

 

Über den Film:
Der in Deutschland, Amerika und Schweden gedrehte Dokumentarfilm ist ein nachdrückliches Plädoyer fürs Stillen und gleichzeitig ein empörter Protest gegen die in der Vergangenheit erfolgreichen Kampagnen von
 Herstellern von Flaschennahrung. Der Streifen von Frauen über Frauen und für Frauen will das Vertrauen junger Mütter in den eigenen Körper stärken: Ich kann stillen und ich will stillen.

Regisseur: Jon Fitzgerald

Schauspieler: Jennifer Davidson, Chantal Molnar, Carrie-Anne Moss, Alanis Morissette u.a.

Weitere Infos und eine Kaufoption findet ihr auf iTunes

 

 

Warten auf die Doku-Crew "The Milky Way"

 

Am Samstag laden die Macher von "The Milky Way" auf dem Stillkongress zur Deutschland-Premiere. Wir sprachen vorab mit Katrin Bautsch, Stillexpertin und Beraterin des Filmteams.

Intuitives Stillen erleichtert den Start

Sogar Neugeborene besitzen die Fähigkeit, sich auf dem Bauch der Mutter zur Brustwarze hin zu bewegen. Diese Frühreflexe nutzt das intuitive Stillen für einen einfachen und unkomplizierten Stillanfang. Was dabei zu beachten ist, erläuterte die Stillberaterin und Buchautorin Regine Gresens auf dem 10. Dt. Stillkongress. Nach ihrem Vortrag traf ich die Hebamme zu einem kurzen Gespräch.

Was ist das Besondere am intuitiven Stillen?

Regine Gresens: Durch die Stillposition der Mutter und durch die Lage des Kindes auf dem Oberkörper der Mutter, nahe der Brüste, werden die angeborenen Reflexe des Kindes optimal ausgelöst: Es sucht vollständig ohne Hilfe der Mutter die Brust, findet sie und dockt daran an. Diese Haltung ist für Mutter und Kind angenehm und das Kind kann die Brust gut entleeren.

Welche Haltung der Mutter ist dafür optimal?

Regine Gresens: Am besten positioniert sie sich bequem zurückgelehnt, also halb sitzend oder halb liegend. Es soll sich so gemütlich anfühlen wie man es sich abends vor dem Fernseher auf dem Sofa bequem machen würde. Kissen im Bereich des Oberkörpers helfen, dass man gut abgestützt ist. Das eigene Körpergewicht sollte nicht auf den Sitzbeinen lasten wie beim Sitzen auf einem Stuhl, sondern auf dem Kreuzbein.

Das Baby soll nicht aktiv angelegt werden. Warum?

Regine Gresens: In dieser Position kann das Baby gut auf dem Oberkörper der Mutter schlafen - das machen ja viele Eltern. Wenn das Kind dann anfängt nach der Brust zu suchen, nimmt die Mutter es oft weg von ihrem Oberkörper, setzt sich irgendwo auf den Stillsessel, nimmt sich das Stillkissen und versucht dem Baby irgendwie die Brust in den Mund zu stecken. Das funktioniert jedoch sehr oft nicht, weil dabei die Reflexe des Babys gar nicht richtig ausgelöst werden oder weil die Schwerkraft das Kind von der Brust der Mutter wegzieht.

Welche Alternative empfehlen Sie?

Regine Gresens: Besser lehnt sich die Mutter gemütlich zurück und legt ihr Kind ruhigem Zustand und mit leichtem Hunger auf ihren Oberkörper. Das Gesicht des Kleinen ruht zwischen den Brüsten, seitlich mit der Wange an einer Brust. Seine Ärmchen werden ein bisschen nach oben gebracht, damit es sich auch abstützen kann.

Wie findet das Kind von alleine die Brust?

Regine Gresens: Wenn es hungrig ist, wird es in dieser Ausgangsposition anfangen nach der Brust zu suchen. Dazu macht es seitwärtige Bewegungen mit dem Köpfchen und spürt auf diese Weise, wo die Brust ist. Durch nickende Kopfbewegungen sucht und ortet es die Brustwarze. Schließlich macht es den Mund weit auf und versucht nicht nur die Brustwarze, sondern viel Brust in den Mund zu nehmen.

Intuitives Stillen mach sich die Schwerkraft zunutze. Welchen Einfluss hat die Schwerkraft aufs Stillen?

Regine Gresens: Die Schwerkraft führt dazu, dass alle Körper durch ihr eigenes Gewicht in Richtung Erdmittelpunkt gezogen werden. Wenn das Baby in einer klassischen Position vor dem Körper der Mutter auf einem Stillkissen liegt, und die Mutter aufrecht sitzt, dann ist es meistens so, dass die Schwerkraft das Baby von der Brust wegzieht. Der sehr schwere Kopf des Babys wird durch sein Gewicht von der Brust weggezogen, selbst wenn es die Brust bereits im Mund hat, zieht die Schwerkraft den Kopf von der Brust weg und die Brust wieder aus dem Mund heraus. Auch die Brust wird, nachdem sie angehoben wurde, um das Kind anzudocken, wieder in ihre natürliche Position zurück gedrückt und dem Kind eventuell wieder aus dem Mund heraus. Das sind die ungünstigen Einflüsse der Schwerkraft. Beim intuitiven Stillen tritt genau das Gegenteil ein: Sitzt die Mutter zurückgelehnt mit dem Kind auf ihrem Bauch, dann zieht die Schwerkraft das Kind zu ihr und zur Brust hin. So kann das Baby mit seinen angeborenen Reflexen genau die Bewegungen vollführen, die in dieser Situation nötig sind.

Ab welchem Alter empfehlen Sie intuitives Stillen?

Regine Gresens: Von Anfang an. Es sollte die erste Stillposition sein, die Müttern mit Neugeborenen gezeigt wird, und die Frauen sollten so lange und so oft in dieser Position stillen wie sie mögen. Es ist bequem, gemütlich und funktioniert wunderbar. Intuitives Stillen klappt auch mit größeren Kindern perfekt.

Gibt es denn in anderen Kulturen oder in unserer Vergangenheit Vorbilder?

Regine Gresens: Jene Haltungen, die heute als klassische Stillpositionen genannt werden, sind Flaschenfütter-Positionen: In dieser aufrechten Haltung verabreicht man dem Kind die Flasche. In den letzten 100 Jahren sind uns diese Positionen vielleicht ein bisschen von der Säuglingsindustrie untergejubelt worden.

Haben die Frauen früher also tatsächlich anders gestillt als heute?

Regine Gresens: Ja natürlich. Ich finde nicht, dass das intuitive Stillen etwas Neues ist. Es ist sozusagen ‚back to the roots‘. So gehört es eigentlich. Das ist die natürliche Position, in der das Kind sich auch direkt nach der Geburt befindet: Die Mutter bekommt es in den Arm und es fängt an, nach der Brust zu suchen. 

Wund gestillt - nein danke!

 

Viel zu viele Frauen ertragen viel zu lange Schmerzen beim Stillen. Stillberaterin Anja Renning sagt: Richtiges Stillen tut nicht weh! Im Anschluss an ihren Vortrag "Wunde Brustwarzen, nein danke!" beantwortete Sie uns Fragen zum Schmerzmanagement.

 Sie sagen, Stillen tut nicht weh. Gilt das auch für die ersten drei Tage?

Anja Renning: Eine gewisse Empfindlichkeit zu Beginn des Stillens ist normal, die Brustwarze kann auch ein wenig heller werden. Klagt eine Frau in den ersten Tagen über Schmerzen beim Stillen, sollten Hebammen und Stillberaterinnen in jedem Fall abklären, ob die Brustwarze wund ist. Falls nicht, kann man ruhig ein paar Tage abwarten.

Was gilt nach dieser Anfangsphase: Wie lange darf man Schmerzen tolerieren?

Anja Renning: Gar nicht. Mit Zahnschmerz gehe ich doch auch sofort zum Zahnarzt. Treten beim Stillen Schmerzen auf, ist unbedingt fachlicher Rat nötig. Hebammen oder Stillberaterinnen sind dafür die richtigen Ansprechpartner.

Sind Schmerzmittel bei wunden Brustwarzen erlaubt?

Anja Renning: Beschreibt eine Frau ihren Schmerz auf einer Skala von 1 bis 10 mit einer 3, dann sprechen Schmerztherapeuten bereits von behandlungsfähigem Schmerz. Wir wenden bei Stillmüttern Ibuprofen an, weil das am wenigsten in die Muttermilch übergeht. Die Einnahme eines Schmerzmittels sollten Stillmütter jedoch in jedem Fall vorher mit einem Arzt oder einer Hebamme absprechen.

Was tun, wenn die Zähnchen kommen und das Baby beim Stillen beißt?

Anja Renning: In meinen Beratungen suche ich zusammen mit den Frauen nach möglichen Auslösern für das Beißen. Häufig steckt ein akuter Aufmerksamkeitsmangel dahinter. Das heißt, die Mama telefoniert oder guckt woanders hin und das Baby will durchs Beißen wieder auf sich aufmerksam machen. Man kann auch bei Babys schon versuchen, erzieherisch zu handeln. Nach dem Motto: Nein, wenn du das machst, kommt die Brust aus deinem Mund raus.

 

 

 

Guter Stil? Wie Erziehung entsteht.

Geht es um die Erziehung, klaffen die Meinungen von Experten weit auseinander. Entsprechend groß ist die Verunsicherung von Müttern und Vätern über den richtigen Umgang mit ihrem Baby. „Eltern leben in einer Diktatur der Angst“, brachte es der Kinderarzt und Buchautor Dr. Herbert Renz-Polster zu Beginn seines Vortrags am Eröffnungstag des 10. Dt. Still- und Laktationskongresses auf den Punkt. Was tun?

Ganz so neu wie unbedarfte Beobachter meinen könnten, ist die Lust am Rat geben nicht. Schon zu Zeiten der Reformpädagogik im Deutschen Kaiserreich habe es Vorschriften zur richtigen Erziehung von Kindern gegeben, zeigte der Kinderarzt zu Beginn seines Vortrags auf. Den spürbaren Unterschied zwischen damals und heute machen jedoch ganz klar die vielfältigen Möglichkeiten zu publizieren: Websites und soziale Plattformen habendie Zahl wohl meinender Ratgeber rapide ansteigen lassen. Doch wer – und mit welchem Recht – macht hier eigentlich die Ansagen?

Vor großem Auditorium beschrieb Renz-Polster vier aktuelle „Kampfzonen“ unter Experten und Eltern: Ernährung, Stillen, Weinen und –noch vor allem anderen - das Schlafen. Schlaftrainings mit immer jüngeren Kindern seien mancherorts an der Tagesordnung, kritisierte Renz-Polster. An der amerikanischen Ostküste gäbe es eine Reihe von Ärzten, die propagierten, dass acht Wochen alte Babys acht Stunden am Stück schlafen sollen. Kaum auszudenken, welchen Leistungsdruck diese angeblichen Fachleute für Eltern und Baby aufbauen!

Der Ausgangspunkt aller Erziehungslehren sei immer das ganz normale und natürliche Verhalten des Babys, betonte Dr. Herbert Renz-Polster. So könne die Regelmäßigkeit des Stillens als erste frühe Maßnahme zur Regelung der natürlichen Triebe angesehen werden. Beim Weinen scheint sich die Verunsicherung mancher Eltern besonders oft beobachten zu lassen. Der Kinderarzt: „Das Baby setzt sich mit aller zur Verfügung stehenden Kraft dafür ein, auf den Arm genommen zu werden. Die Reaktion mancher Eltern: Da muss ich dagegen halten...“

Auf welche Weise Eltern mit ihrem Baby umgehen, ist laut Renz-Polster anhängig von ihren eigenen Menschenbildern, von unbewussten Annahmen über die Welt und ihre Menschen. Zusammen mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und der kulturellen Prägung bestimmten diese Menschenbilder die individuelle Beziehungssprache, in der Eltern mit ihrem Baby kommunizieren.

Ist dieses Menschenbild von Zutrauen und Verbundenheit geprägt, erleben Eltern ihr Kind als vertrauenswürdig und kooperativ. Wenn es weint, werden Sie versuchen, seine Bedürfnisse zu stillen. Ist das Menschenbild jedoch von Misstrauen und Distanz geprägt, werden Mama und Papa ihr Kleines eher als fordernd empfinden. Wenn es weint, werden sie versuchen, „dem kleinen Tyrann“ nicht nachzugeben...

Wie können Eltern ihre eigene, unbewusst gelebte Beziehungssprache besser kennenlernen und sie zum Wohl ihres Babys verändern? Darüber habe ich mit Dr. Herbert Renz-Polster nach seinem Vortrag gesprochen. Das Interview gibt es hier...

Durch Nähe zum Kind lernen...

 

Unsere persönliche und unbewusst gelebte Beziehungssprache bestimmt den Umgang mit unseren Kindern. Was dabei passiert und wie Eltern ihre Beziehungssprache verändern können, erläuterte der Kinderarzt und Buchautor Dr. Herbert Renz-Polster im Gespräch mit Hebama.

Wann im Alltag mit dem Baby wird die Beziehungssprache der Eltern spürbar?

Dr. Herbert Renz-Polster: Eltern können das Weinen eines Babys als etwas Normales interpretieren und es als eine Möglichkeit und Chance betrachten, auf das Kind einzugehen und eine Beziehung aufzubauen. - Oder sie können sich dadurch verunsichert fühlen, und das Weinen als Protest empfinden. Wenn Eltern merken, dass sie mit dem Weinen nicht gut klar kommen, sollten sie darüber nachdenken, warum sie sich so verunsichern lassen.

Was raten Sie in diesem Fall?

Dr. Herbert Renz-Polster: Ich empfehle da immer: Komm deinem Kind nahe und lerne es kennen. Das erfordert bei den Kleinen, ihnen wirklich körperlich nahe zu kommen. Denn je näher wir ihnen sind, desto eher können wir erkennen, was das Baby uns sagen will.

Wie können Eltern ihre Beziehungssprache verbessern?

Dr. Herbert Renz-Polster: Indem sie sich klar machen, dass die wichtigste Aufgabe in der ersten Zeit nach der Geburt tatsächlich ist, sich gegenseitig kennenzulernen. Man entwickelt sich gemeinsam und ist deshalb darauf angewiesen, sich auf die Sprache des Babys einzulassen. Wenn sie ihrem Kind nahe sind, lernen die Eltern die feinen Signale zu deuten. So kommt es nicht mehr zu Missverständnissen.

Welche Leistungen können Hebammen im Elterngespräch dazu erbringen?

Dr. Herbert Renz-Polster: Die Hebamme kann die Eltern in dem Wissen bestärken, dass eigentlich der ganze Schatz der kindlichen Entwicklung von vornherein angelegt ist. Das Kind bringt es schon mit und wir müssen es nur begleiten. Was Eltern unter Stress setzt, ist oft die Vorstellung, sie müssten ihr Kind leiten, ziehen, formen, fördern und für optimale Bedingungen sorgen. Gut, wenn die Hebamme den Eltern hilft, den Schatz zu erkennen und die Schatztruhe zu öffnen. Kinder brauchen nur einen sicheren Rahmen. Wenn sie diesen haben, wenn sie sich wohl und sicher fühlen, dann machen sie ihr Ding und starten unaufhaltsam durch.

Ein sicherer Rahmen macht Kinder stark. Gehören dazu auch Grenzen und wann sollten Eltern anfangen, diese zu setzen?

Dr. Herbert Renz-Polster: Selbst bei einem bedürfnisorientierten Umgang mit Babys ist es nicht so, dass sich alles auf das Kind ausrichtet. Stattdessen lebt man sein Leben mit dem Kind. In jedem authentischen Umgang miteinander ist eingewoben, dass man Einfluss nimmt auf den anderen. Grenzen werden oft missverstanden als etwas, das ich setzen muss, immer in der gleichen Art, nach einem bestimmten Programm. Grenzen ergeben sich aber automatisch, wenn wir das tun, was gut für uns und unser Kind ist.

Können Sie dafür ein Beispiel geben?

Dr. Herbert Renz-Polster: Ein dreijähriges Mädchen will abends Eis essen und wirft sich auf den Boden vor der Eisdiele. Hier entstehen automatisch Grenzen, wenn die Mutter im Auge hat, dass sie am Abend gemeinsam mit dem Papa essen will. Sie will es so und es ist gut für die Familie. In dem Fall ist es ganz normal, dass die Mutter das durchsetzt. Wenn der Vater in der gleichen Situation an einem anderen Tag jedoch angekündigt hat, dass er später von der Arbeit nach Hause kommt, dann kann es sein, dass die Mutter sagt: „ Ja, machen wir einen Mutter-Tochter-Abend und essen Eis. Das heißt, die gleiche Situation wird unterschiedlich verhandelt. Das für das Kind Stärkende darin ist, dass die Mutter die Entscheidung trifft. Nicht aufgrund von einem Handbuch, sondern mit Blick auf das ganze System.

Entscheidend ist zudem die Musik. Ich kann das Kind als schlecht empfinden: Du immer mit deinem Eis essen! Aber ich muss mein Kind deshalb nicht entwerten, als ungebührlich empfinden oder die Situation als Machtkampf betrachten. Ein Konflikt ums Eis ist einfach nur ein Konflikt ums Eis. Wenn Eltern akzeptieren, wie das Kind sich verhält, können sie beziehungsvoll reagieren.