Jobmotor Verzahnte Ausbildung

Dieser Artikel wurde 2019 auf der Website des KJF Berufsbildungs- und Jugendhilfezentrums Sankt Nikolaus veröffentlicht.

Verzahnte Ausbildung im ländlichen Raum – geht das überhaupt? Aber klar! Im Sankt Nikolaus KJF Berufsbildungs- und Jugendhilfezentrum in Dürrlauingen ist die Kooperation mit Unternehmen für alle Beteiligten ein Gewinn. Das zeigen die Erfahrungen von Markus und Ramon.

Markus Augen leuchten. Eine herzliche Umarmung hier, ein kumpelhafter Scherz dort. Der Auszubildende zum Fachpraktiker für Metallbau scheint die riesigen Hallen seines Praktikumsbetriebs so gut zu kennen wie andere ihr Wohnzimmer. Das wird beim Rundgang durch das Jettinger Blechverarbeitungsunternehmen Auerhammer schnell klar. Offensichtlich fühlt sich der 21-Jährige hier auf besondere Weise zu Hause. Am richtigen Ort angekommen.

Wer wie Markus eine Ausbildung im Berufsbildungswerk (BBW) absolviert, besuchte zuvor eine Förderschule – oder hat einen anderen, kurvenreichen Weg hinter sich. Mit 11 Jahren tauschte der Junge sein Kinderzimmer gegen ein Bett im Internat. Negative Umstände zu Hause erforderten den Wechsel. Trotz der Distanz wurde seine Depression schlimmer. Der tiefste Punkt kam in der zehnten Klasse, auf dem M-Zweig seiner Mittelschule.

Ein Aufenthalt in der Kinderpsychiatrie der KJF Fachklinik Josefinum in Augsburg brachte die Wende. Dort hörte Markus vom Sankt Nikolaus KJF Berufsbildungs- und Jugendhilfezentrum in Dürrlauingen mit seinen heilpädagogischen Wohngruppen und den Ausbildungen in Lehrwerkstätten. Ein Glücksfall. Auf den Umzug folgte eine Stabilisierung dank passender Therapieangebote in Dürrlauingen. Deren Wirkung hält an.

Verzahnte Ausbildung im BBW

Heute ist der junge Mann einer von über 100 Auszubildenden in Sankt Nikolaus. Zusammen mit 20 anderen Azubis des BBW nimmt der angehende Fachpraktiker für Metallbau am VAmB-Programm (Verzahnte Ausbildung mit Berufsbildungswerken) teil und absolviert mindestens sechs Monate seiner Ausbildung direkt in einem Unternehmen. Das Ziel: Ein unkomplizierter Übergang nach der abgeschlossenen Ausbildung in eine Anstellung.

„Die Arbeit im Betrieb ist für mich hochinteressant“, sagt Markus. Klar, denn die Produktion hier folgt anderen Gesetzen als in der beschaulichen Lehrwerkstatt. Kraftvolle Maschinen, Aufträge mit hohen Stückzahlen, Automatisierung und Laser-Schneidköpfe gehören dazu. „Zu Beginn haben wir Markus an den Abkantmaschinen eingesetzt, im Zweierteam mit einem erfahrenen Facharbeiter“, beschreibt Geschäftsführer Joachim Auerhammer. Die Herausforderung: Der Erwachsene will auf seinen Akkord kommen, der junge Kollege muss sich einfügen. „Markus hat diese Aufgabe gut gelöst“, lobt der Chef. Anerkennung schwingt in seiner Stimme.

Rund 100 Kooperationsunternehmen stehen in der Kartei des BBW Dürrlauingen. Ausbildungsleiter Georg Weizmann pflegt den Austausch mit den Betrieben und schafft gute Rahmenbedingungen für beide Seiten. „Gibt es während des Praktikums Probleme, können das Unternehmen und auch der Azubi auf unsere Unterstützung zählen“, betont er. Dieser sanfte Übergang von der Lehrwerkstatt zum Betrieb ist der große Vorteil der Verzahnten Ausbildung. „Die Defizite unserer Teilnehmer können nicht von heute auf morgen verschwinden“, sagt Weizmann, „Wir versuchen deshalb, Veränderungen und die damit verbundenen Risiken zu minimieren.“ So wird der Berufsstart nach dem BBW leichter.

Erfahrungen der Unternehmen

Joachim Auerhammer, dessen Firma zum ersten Mal im Rahmen einer Verzahnten Ausbildung mit Sankt Nikolaus kooperiert, schätzt den stützenden Hintergrund und die geregelte Struktur des BBW. Zum Beispiel durch den Fahrdienst, der Markus morgens von Dürrlauingen aus zum Betrieb bringt und nach Feierabend wieder zurückfährt. Das Praktikantentaxi ist eine Besonderheit, die der weitläufige, ländliche Raum erfordert. Es nimmt den jungen Menschen die Verantwortung der Pünktlichkeit und schenkt den Betrieben die Sicherheit, dass keiner verschläft.

Die Zufriedenheit mit dem Projekt teilen auch andere Kooperationspartner. Peter Hartmann betreut Ramon, einen VAmB-Azubi im zweiten Lehrjahr zum Fachpraktiker für Metallbau. Der Chef des gleichnamigen Metallbearbeitungsbetriebs in Thannhausen sagt: „Durch die Verzahnung lernen die jungen Leute, mit Kollegen zu arbeiten, und profitieren von deren Erfahrung.“ Ein weiteres Plus: Die Betriebe kennen die potentiellen Bewerber am Ende der Ausbildung bereits sehr gut.

Vorteile für beide Seiten

Seit 2012 gibt es die Verzahnte Ausbildung als Regelangebot der BBW. Sie ist für alle Beteiligten ein Gewinn:

Unternehmen

  • erhalten motivierte Praktikanten mit guten Vorkenntnissen
  • lernen Nachwuchskräfte unkompliziert kennen
  • werden durch Fachkräfte des BBW bei allen Fragen und aktuellen Problemen unterstützt
  • sind frei von einer Ausbildungsvergütung und Beiträgen zur Sozialversicherung, denn der Vertrag liegt beim BBW
  • können VAmB-Azubis in der Beschäftigungspflichtquote doppelt anrechnen lassen, bei einer Schwerbehinderung sogar dreifach

Azubis

  • erhalten eine maßgeschneiderte Ausbildung, betriebsnah und so individuell wie nötig
  • lernen Selbstständigkeit und Eigenverantwortung
  • bekommen Einblicke in Betriebsabläufe und das soziale Miteinander mit erwachsenen Kollegen
  • haben nach der Ausbildung bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt

Bundesweit finden rund 70 Prozent aller VAmB-Azubis spätestens nach einem Jahr eine Stelle. Diese Quote gilt auch für Dürrlauingen. Wer Markus und Ramon fragt, ob sie sich nach der Ausbildung in ihren Praktikumsbetrieben bewerben wollen, erhält die Antwort prompt. Aber ja! Die beiden jungen Männer haben gute Karten. Dass sie sich auf die jeweilige Bewerbung freuen, das haben Joachim Auerhammer und Peter Hartmann ihren VAmB-Azubis längst signalisiert.

Auf einen Blick:

Sankt Nikolaus KJF Berufsbildungs- und Jugendhilfezentrum in Dürrlauingen

  • Qualitätsmanagement, zertifiziert nach DIN EN ISO 9001
  • Berufsvorbereitende Maßnahme, Dauer 1 bis 2 Jahre
  • 26 Ausbildungsberufe, Dauer 3 Jahre
  • Abschluss,Facharbeiter- oder Gesellenbrief
  • Qualifizierte Ausbilder, alle Ausbilder haben eine rehapädagogische Zusatzqualifikation erworben (320 Stunden)
  • Verzahnte Ausbildungmit Betrieben aus der Region
  • Berufsschule, zur sonderpädagogischen Förderung
  • Sonderpädagogisches Förderzentrum, ab dem Kindergartenalter (SVE)
  • Internat, mit unterschiedlichen Wohnformen
  • Heilpädagogische Wohngruppen
  • Heilpädagogische Tagesstätte
  • Dürrlauinger Modell zur beruflichen Qualifizierung und Integration von Flüchtlingen
  • Therapeutische Begleitung durch ein multiprofessionelles Team aus Psychologen, Sozialpädagogen, Heilpädagogen und medizinischen Fachkräften
  • Prozessbegleiter als Anlaufstelle für Jugendliche und alle beteiligten Dienste
  • Zeitliche Flexibilität,die Maßnahme kann durch eine Reha-Maßnahme unterbrochen und danach nahtlos wieder aufgenommen werden
  • Integrationsbegleitung, für den Übertritt ins Arbeitsleben