Auf den Spuren eines Popstars der Glasmalerei

Im Dinkelscherber Zehentstadel zeichnet Konrad Niederhuber das Leben des Künstlers Josef Scherer aus Ettelried nach / (Serie 3)

Dieser Artikel ist Teil einer Serie und wurde in der Augsburger Allgemeinen Zeitung veröffentlicht.

Alte Bilder sind stumm, lassen sich nicht animieren und bieten keinen Bildschirm zum Drüberwischen. Dennoch erzählen sie Geschichten, die fesseln. Man muss bloß zuhören. Zum Sprachrohr einer Vielzahl von Gemälden, Skizzen und riesigen Glasfenstern in der Scherer-Galerie des Heimatmuseums Reischenau macht sich Konrad Niederhuber.

Wer mit dem Leiter des gleichnamigen Heimatvereins durch die Ausstellung spaziert, lernt vier Künstler kennen, von denen zumindest einer im 19. Jahrhundert mit seinem Schaffen Weltruhm erlangte. Joseph Scherer war für die Glasmalerszene seiner Zeit offenbar so etwas wie Michael Jackson für die Popmusik. Beide waren Perfektionisten und stießen Neuerungen an. Beide kassierten von ihren Auftraggebern unvorstellbare Summen. Die Führung gerät zu einer spannenden Zeitreise: Wir wandeln auf den Spuren eines Ausnahmekünstlers, der im Jahr 1814 im Ettelried bei Dinkelscherben geboren wurde.

Von seinen Anfängen als klassisches Heimatmuseum hat sich der Ausstellungsort im schmuck renovierten Zehentstadel, den übrigens auch Joseph Scherer als Zeitgenosse gekannt haben muss, zur Galerie entwickelt. „Heimatmuseen gibt es viele. Doch der Scherer-Nachlass ist einzigartig“, erklärt Niederhuber.

Heute finden Besucher im Erdgeschoss eine kleine Ausstellung über die Geschichte des Marktes Dinkelscherben. Kinder werden den stattlichen Mammutzahn lieben, der im Gemeindegebiet geborgen wurde. Man darf ihn sogar anfassen! Im zweiten Stock gibt es Alltagsgegenstände aus vergangenen Zeiten. Zum Beispiel eine Sammlung Mäusefallen, deren Erfinder eine sadistische Ader besessen haben muss.

Dazwischen thronen die wertvollen Stücke der Galerie. Eintreten, ankommen und die Bilderreise kann beginnen. Joseph Scherer wuchs in kleinbäuerlichen Verhältnissen auf. Die Pausen während der Arbeit auf dem Feld vertrieb er sich mit dem Zeichnen von Fröschen und anderen Tieren. „Eines Tages kam eine reiche Baronin daher, sah die Zeichnungen und ermöglichte dem Kleinen den Besuch einer Kunstschule in Augsburg“, erzählt Konrad Niederhuber. Wie erleichtert der kleine Joseph gewesen sein muss, den Dorflehrer gegen die Augsburger Kunstschule einzutauschen, zeigt der pensionierte Schulleiter an einem Ölgemälde des Künstlers: Wir sehen Josephs Mutter, die den sich heftig sträubenden Jungen unerbittlich zur Schule hin zerrt …

Kirchenfenster der Burgkapelle sind heute brillanter Blickfang

Bereits wenige Minuten reichen, um sich von Konrad Niederhubers Begeisterung anstecken zu lassen. Er selbst kann längst nicht mehr von dem Forschungsobjekt Scherer und dessen detailverliebter Malerei lassen. Joseph bildete seine Brüder Leo und Alois sowie seinen Neffen Johann als Künstler aus. „Sie mussten nach seinen Vorstellungen arbeiten. Deshalb ist es heute so schwierig, unsignierte Werke eindeutig zu bestimmen“, erklärt der Hobbyforscher. Nur die Qualität von Josephs Werken hebt sich von den anderen ab. Nebenbei studierte Joseph, der die Schule als Kind so hasste, Chemie und Physik, um brillantere Farben zu mischen und bessere Brennöfen für seine Glasmalerei zu bauen.

Bestes Beispiel für die Qualität seiner Arbeit sind die sechs Kirchenfenster, die Scherer einst für die Dinkelscherber Burgkapelle anfertigte. Heute sind die Schmuckstücke ein brillanter Blickfang der Ausstellung im Zehentstadel.

Schade nur, dass die Dinkelscherber Sammlung mit ihren kostbaren Gemälden und Skizzen didaktisch bislang kaum aufbereitet ist. Derzeit sind die Helfer des Heimatvereins dabei, die Ausstellung umzubauen und neu in Szene zu setzen. Im Januar soll alles fertig sein.

Wer das Museum dann besucht, sollte sich unbedingt um eine Führung bemühen und genügend Zeit dafür einplanen. Auf diese Weise werden die Geschichten der Bilder viel leichter verständlich.