Problemlöser?

Fahren Sie bereits einen Wohlfühlsattel oder träumen Sie noch davon? Kaum ein an- deres Produkt besitzt eine größere Vielfalt an Materialien und Formen als der Sattel. Wir zeigen die ganze Bandbreite und sagen, was beim Kauf wichtig ist.

Dieser Artikel wurde im Fahrradmagazin Trekkingbike veröffentlicht.

Der Sattel entscheidet in besonderem Maß über den Spaß auf dem Rad. Umso erstaunlicher ist es, dass viele Radfahrer Sitzbeschwerden schlichtweg ertragen anstatt zu versuchen, deren Ursache auszumerzen. Dabei sollten Radfahrer drei Dinge beachten, rät der Augsburger Orthopäde und Sportmediziner Dr. Claus Oehler: „Der Sattel muss zur bevorzugten Sitzposition, zur Ver­weildauer auf dem Rad und zur spezifischen Anatomie des Radfahrers passen.“ Allerdings gilt: Vor einer mitunter kostspieligen Neu­anschaffung lohnt es sich unbedingt, erst die feinen Verstellmöglichkeiten des eigenen Sattels auszureizen. „Oft nützt schon eine leichte Variation des Kippwinkels oder eine Bewegung auf der Längsachse um wenige Millimeter – und die Beschwerden verschwin­den von selbst“, rät Dr. Oehler.

Bringen diese Maßnahmen keine Besse­rung, ist der Kauf eines neuen Sattels ratsam. Die Wahl der passenden Polsterung richtet sich am besten nach der Art der Nutzung des Rades: Je länger die Strecken, umso här­ter sollte der Sattel sein. „Unsere Gelsättel empfehlen wir für Radfahrer, deren Touren höchstens 40 Kilometer lang sind“, sagt Matteo Paccagnella, Marketing Manager von elle Royal. Wer länger unterwegs ist, ist mit einem härteren Sattel in der Regel besser beraten. Die Sitzknochen benötigen einige Touren, um sich an die härtere Auflage zu gewöhnen. Doch auf Dauer fahren die meis­ten Menschen damit schmerzfreier als mit einem zu weichen Sattel, auf dem die Sitz­knochen weit einsinken. Druckmessungen auf verschiedenen Sätteln haben diese Erfah­rung bestätigt, so Dr. Oehler: „Je stärker die Sitzknochen die weiche Masse der Polsterung verdrängten, umso größer war die punktuelle Druckbelastung, die an den Sitzknochen gemessen wurde.“

Der individuelle Abstand der Sitzhöcker ist die zweite wichtige Größe bei der Suche nach dem Wohlfühlsattel. Sitzhöcker heißen jene Knochen, die wir spüren, wenn wir auf einer harten Bank sitzen und das Becken von einer Seite zur anderen kippen. Je weiter sich der Oberkörper auf dem Rad nach vorne neigt, umso enger wird der Abstand, in dem die Knochen auf dem Sattel aufliegen, denn sie führen nach vorne in Richtung Schambein aufeinander zu.

Einer von der Firma SQlab erstellten Statis­tik zufolge beträgt der Abstand der Sitzkno­chen bei Männern im Durchschnitt zwischen 6 und 16 cm und bei Frauen zwischen 9 und 17 cm. Wer seinen persönlichen Wert selbst ermitteln will, legt am besten ein Stück Well­pappe auf eine harte, ebene Fläche und setzt sich in einer dünnen Hose einige Minuten darauf. Nach dem Aufstehen ist der Abdruck der Sitzhöcker auf der Pappe erkennbar. Auch die Händler von SQlab und Specialized bieten eine Vermessung an, bei der die Fachleute gleichzeitig die jeweilige Neigung des Oberkörpers in der Lieblingshaltung des Kunden auf dem Rad mit einbeziehen. Das Ergebnis der Rechnung zeigt dem Händler genau, welche Sattelbreite die richtige ist.

Die Formenvielfalt auf dem Sattelmarkt kennt kaum Grenzen. Radfahrer haben die Wahl zwischen dem klassischen Sattel wie er seit rund 130 Jahren verwendet wird, Modellen mit vielgestaltigen Ausparungen, Stufensätteln und Sonderformen ohne Nase oder mit zwei beweglichen Sitzschalen. Als einer der Vorreiter der ergonomischen Form­gebung führte die US­Firma Specialized im Rahmen ihres „Body Geometry“­ Konzepts in den 90ern eine Rille ein, die in der Mitte des Sattels von hinten nach vorne zur Nase ver­läuft. „Dadurch tragen die Sitzhöcker mehr Gewicht und die empfindlichen Nerven und Blutbahnen des Dammbereichs werden vor einer starken Komprimierung geschützt“, beschreibt Sebastian Maag von Specialized. Inzwischen arbeiten viele weitere Sattelher­steller mit unterschiedlich geformten Ausspa­rungen. Kritiker dagegen behaupten, dass an den Rändern der Aussparung ein sehr hoher Druck aufs empfindliche Gewebe entsteht und propagieren, die Traglast stattdessen besser auf eine möglichst große Fläche ohne Aussparung zu verteilen. Einen ähnlichen Weg geht die Firma SQlab aus Strasslach bei München mit ihren Stufensätteln, bei denen die Nase tiefer liegt als das Heck. Auch hier kommen die Sitzhöcker stärker zum Tragen, doch zur Entlastung des Dammbereichs ist keine Aussparung nötig.

Manche Hersteller fertigen Damenmodel­le, andere nicht. Benötigen Frauen einen Damensattel? „Natürlich gibt es anatomische Unterschiede zwischen Mann und Frau“, betont Dr. Oehler. Deshalb mache die Anfer­tigung von speziellen Damensätteln durchaus Sinn. Allerdings gibt es auch Abweichungen: Nicht jede Frau und nicht jeder Mann ent­sprechen den Normwerten. „Mancher Mann fühlt sich auch auf einem Damensattel wohl und umgekehrt“, betont der Orthopäde, der vor Jahren das Konzept des maßgeschnei­derten Sattels entwickelt hat, der heute unter der Marke Gebiomized vertrieben wird. Klar: Bei einem maßgeschneiderten Sattel ist die Unterscheidung zwischen Mann und Frau hinfällig.

Ein wachsendes Potential im Gesundheits­sektor erkennt Thomas Bayer von der Firma Hypervital in Waltenhofen. Die Allgäuer Sattelbauer haben für ihre Marke „Comfort Line“ den ersten Sattel entwickelt, der eine medizinische Zulassung besitzt und deshalb in Apotheken verkauft wird. „Radfahren ist ein Gesundheitssport, der bis ins hohe Alter ausgeübt werden kann. Da ältere Menschen heute viel Wert auf körperliche Fitness legen, wird der Markt für Gesundheitssättel in den kommenden Jahren enorm wachsen“, prophezeit Bayer. Hypervital will in naher Zukunft sogar erwirken, dass ihr Sattel Relax 2 verschreibungsfähig wird, sodass Kranken­kassen die Kosten der Anschaffung tragen oder zumindest bezuschussen können.

Einige Entwicklungen auf dem Sattelmarkt mögen Radfahrer belustigen, die noch nie ein Sitzproblem hatten. Wer allerdings dank der neuen Vielfalt seinen persönlichen Problem­ löser gefunden hat, wird ihn nicht missen mögen. Welches Modell zu den individuellen Vorbedingungen passt, zeigt nicht die Lektü­re eines Artikels oder der Informationen der Hersteller. „Die Funktion eines Sattels wird erst begreifbar, wenn man sich darauf setzt und eine Probefahrt unternimmt“, rät Dr. Oehler. Tipp: Am besten beginnen Sie Ihre Suche bei einem Händler, der Testmodelle führt (z.B. Specialized) oder einer Marke mit Geld­zurück­Garantie (z.B. Sportourer; Terry). Eine ausgedehnte Testfahrt schützt vor Fehlkäufen und Enttäuschungen.