Anhänger oder Kindersitz?

Ein Rad für zwei: Junge Eltern, die mit Kind mobil sein wollen, haben die Wahl zwischen Anhänger und Kindersitz. Die Vor- und Nachteile der beiden Lösungen sind leicht zu vermitteln. Wer darüber hinaus einige Fragen zum geplanten Einsatz klärt, findet schnell das individuell passende Produkt für den Kunden.

Dieser Artikel wurde im SAZcollege der Fachzeitung SAZsport veröffentlicht.

Spaß haben Familien auf einer Radtour garantiert: Die Kleinen lieben es, über die Wege zu schaukeln und ihre Erfahrungen, neue Gerüche und fremde Geräusche mit Mama und Papa zu teilen. Was zählt, ist das gemeinsame Erlebnis – egal, ob der Nachwuchs im Fahrradanhänger oder im Kindersitz mitkommt. Bevor sich Eltern jedoch für die eine oder die andere Lösung entscheiden, ist im Beratungsgespräch zu klären, wo und wie sie mit ihrem Kind Rad fahren wollen. Abgesehen von grundsätzlichen Überlegungen hinsichtlich der Anschaffungskosten, Sicherheit und Komfort entscheiden in erster Linie individuelle Faktoren darüber, welche der beiden Transportvarianten besser zum Alltag der jeweiligen Familie passt.

Wie alt ist das Kind?

Eltern, die schon bald nach der Geburt mit dem Baby Rad fahren wollen, haben dafür nur eine einzige Transportmöglichkeit: den Anhänger. Darin können Kinder schon nach wenigen Wochen mitkommen, z.B. in einer Babyschale oder einem Babysitz, der einer Hängematte ähnelt. Fahrradsitze hingegen eignen sich erst, wenn die Kleinen bereits alleine sitzen können, also mit ca. acht bis zehn Monaten. Andernfalls wird das weiche Rückgrat zu stark belastet.

Kindersitz: King auf kurzen Strecken

Der Kindersitz gilt als die ideale Variante für kurze, spontane Alltagsfahren. Im Gegensatz zum langen Gespann aus Anhänger und Fahrrad ist das Velo mit Kindersitz fast genauso wendig wie zuvor. Eltern können an Engstellen leicht manövrieren oder wenden und problemlos durch eine belebte Fußgängerzone schieben. Die meisten Kinder lieben den Sitz, weil sie so nah bei Papa oder Mama sind und ganz frei mit ihnen plappern können. Keine andere Transportlösung ist so platzsparend wie der Fahrradsitz. Wer in einer Stadtwohnung ohne Garage lebt, weiß dies zu schätzen. Manche Anhängerbesitzer parken die sperrige Kinderkutsche das ganze Jahr über auf dem Gehweg, andere hieven das Schwergewicht nach jeder Fahrt über die Treppe in den Kellerraum hinab.

Anhänger: für Tourer und Vielfahrer

Anders verhält es sich mit Familien, die das Fahrrad regelmäßig nutzen, vielleicht sogar als Autoersatz. Sie kommen um den Kauf eines Kinderanhängers kaum herum. Dieser ist zwar wesentlich teurer als ein Sitz, doch er bietet neben der Möglichkeit, zusätzlich einen Freund oder ein Geschwisterkind zu transportieren, auch noch jede Menge weiteren Stauraum. Einkäufe, Sporttaschen etc. finden problemlos hinter der Sitzbank Platz. Darüber hinaus sind die kleinen Passagiere im Anhänger vor Wind, Regen und kalten Temperaturen geschützt. Das ist im Alltag und auch auf langen Touren wichtig: Wer gerne Tagesausflüge unternimmt oder sogar einen Radurlaub mit der Familie plant, fährt mit einem Anhänger garantiert richtig.

Anschaffung und Mehrwert

Zugegeben, der Preisunterschied ist gewaltig: Ein hochwertiger Kindersitz kostet zwischen 80 und 100 EUR, für einen Markenanhänger müssen Eltern je nach Ausstattung zwischen 400 und 1.300 EUR berappen. Die hohen Anschaffungskosten moderner Anhänger relativieren sich – zumindest zum Teil – durch ihre Funktionsvielfalt: Mit wenigen Handgriffen ist der Anhänger zum Babyjogger oder zum Buggy umgebaut und erspart seinem Besitzer dadurch den Kauf eines zweiten Kinderwagens. Sowohl bei Kindersitzen als auch bei Anhängern haben Verkäufer viel Spielraum: Wer sparen will, kann gerne beim Komfort oder beim Gewicht Abstriche machen. Aufgrund des Sicherheitsgedankens sollten jedoch hochwertige Produkte empfohlen werden.

Komfort und Handhabung

In Sachen Sitzkomfort ist der Anhänger klarer Sieger. Er schützt Kinder vor Wind, Wetter und Insekten. Darüber hinaus können die Kleinen während der Fahrt bequem ein Nickerchen halten. Auf längeren Ausfahrten greifen die Kids im Anhänger selbstständig nach Trinkflasche und Snackbox, die auf der Rückbank oder in kleinen Seitenfächern Platz finden. Auch das Ein- und Aussteigen ist beim Anhänger einfacher als beim Kindersitz, wo Eltern ihr Kleines zuerst hochheben und schließlich am kippeligen Rad die Gurte und Fußhalterungen des Sitzes schließen müssen. Selbst mit einem Zweibeinständer ist die Standsicherheit bei diesem Manöver höchst unbefriedigend und Eltern sollten ihr Kind niemals unbeaufsichtigt im Fahrradsitz lassen! Dagegen hat der leichte Kindersitz im Falle eines Transports im Kofferraum die Nase vorn. Wer einen Anhänger benötigt und diesen regelmäßig im Auto mitnehmen will, bekommt am besten ein Modell in Leichtbauweise mit einem unkomplizierten und leichtgängigen Faltmechanismus empfohlen.

Sicherheit und Fahrverhalten

Die meisten Eltern fahren über viele Jahre hinweg mit ihrem Liebling komplett unfallfrei. Dennoch ist die Sicherheit des Kindes im Fall eines Crashs ein wichtiges Argument bei der Kaufentscheidung. Im Fall einer Kollision ist der Anhänger deutlich sicherer als ein Kindersitz. Untersuchungen und Crash-Tests haben gezeigt, dass robuste Anhänger bei einem Zusammenstoß mit einem Auto von diesem nicht einfach überrollt, sondern meist nur vor sich her geschoben werden. Ein Umkippen des Anhängers ist selten. Im Kindersitz sind kleine Copiloten vergleichsweise ungeschützt. Dazu kommt die hohe Fallhöhe aus dem Kindersitz, die schon bei einem normalen Sturz zu bösen Verletzungen führen kann.

Zum Schluss noch ein Wort zum Fahrverhalten. Beide Transportvarianten verändern das Fahrverhalten des Rades deutlich: Der Sitz erschwert die Balance auf dem Rad und macht das Gefährt in den Kurven deutlich kippeliger; der sperrige Kinderanhänger beeinträchtigt die Wendigkeit beim Rangieren und bremst durch sein hohes Gewicht den Antrieb bei Steigungen. Bergab wiederum ist das schwere Gespann schwierig zu bremsen. In jedem Fall sollte das Elternrad über ein leistungsstarkes, zuverlässiges Bremssystem verfügen – das gilt für den Transport im Sitz und auch im Anhänger. Apropos: Oft entsprechen die Stabilität und die sicherheitsrelevanten Teile des Elternrades kaum den Mindestanforderungen für den Kindertransport. Hier lohnt es sich gleich einen gründlichen Check vorzunehmen.