Ruhelose Beine

Was gegen nächtliches Kribbeln in den Beinen und den quälenden Bewegungsdrang in der Nacht hilft

Dieser Artikel wurde in der Apotheken Umschau veröffentlicht.

Als Rita Beranek das Kribbeln zum ersten Mal spürte, wollte sie aus der Haut fahren. „Nach einer Kniespiegelung sollte ich meine Beine ruhig halten. Doch der Bewegungsdrang in den Waden war unbändig. Damals ging ich durch die Hölle“, erinnert sich die 71-Jährige an den Beginn der Krankheit vor über 20 Jahren. Die Orthopäden im Krankenhaus waren ratlos. Es folgte eine Odyssee durch verschiedene Arztpraxen bis die Patientin schließlich von der Ulmer Restless-Legs-Sprechstunde hörte. Ein Volltreffer, so Beranek: „Endlich sprach ich mit Ärzten, die meine Beschwerden einordnen konnten.“

Lange Zeit fand das Restless-Legs-Syndrom nicht viel Beachtung. Dabei sind die ruhelosen Beine eine ernste neurologische Erkrankung, die die Lebensqualität massiv beeinträchtigt. Unterschiedlichen Schätzungen zufolge machen bis zu zehn Prozent der Bevölkerung irgendwann in ihrem Leben Erfahrungen damit. Nicht immer sind die Symptome so stark ausgeprägt, dass eine Therapie mit Medikamenten erforderlich ist. Solche schweren Fälle behandelt Prof. Dr. Jan Kassubek von der Neurologischen Klinik der Universität Ulm (RKU) in seiner Restless-Legs-Sprechstunde. „Der Leidensdruck der Patienten ist oft enorm hoch“, betont der Neurologe. Oberstes Ziel der Therapie ist die Wiedererlangung erholsamer Nächte. 

Bei der Krankheit treten die Beschwerden zunächst vor allem nachts auf. Dann spüren die Betroffenen ein Ziehen, Kribbeln oder Stechen in den Beinen, seltener auch in den Armen. Das Besondere daran: Durch Bewegung werden die Beschwerden schlagartig besser. Darüber hinaus leiden einige RLS-Patienten unter unwillkürlichen Zuckungen in den Beinen. Dieses Syndrom der „Periodic Limb Movements“ erfordert eine eigene Diagnose und wird als eigenständige Erkrankung behandelt. Viele Menschen wachen durch die Missempfindungen auf und wandern ruhelos umher. So war es auch bei Rita Beranek. Eines Nachts stürzte sie völlig erschöpft die Treppe hinunter. Der Schlafmangel kann massive Ausmaße annehmen und die Leistungsfähigkeit am Tag beeinträchtigen. Erschöpfung, Antriebslosigkeit und Konzentrationsstörungen sind häufige Folgen. In seltenen Fällen halten die Missempfindungen sogar tagsüber an. Dann ist Belastung umso höher, denn geschäftliche Besprechungen oder lange Autofahrten werden durch den Bewegungsdrang zur Qual. 

Die Ärzte unterscheiden zwei Formen des Restless Legs Syndroms. „Es kann sich als Folge anderer neurologischer Krankheiten wie Multiple Sklerose entwickeln und wird durch bestimmte Medikamente begünstigt, zum Beispiel Antidepressiva“, schildert Prof. Kassubek. Auch Eisenmangel oder Niereninsuffizienz stecken bisweilen dahinter. Manche Frauen leiden in der Schwangerschaft unter ruhelosen Beinen. Der Neurologe stellt die Diagnose im Gespräch anhand der vom Patient beschriebenen Symptome. Macht der Arzt durch weitere Untersuchungen eine Krankheit oder Mangelerscheinung als Verursacher aus, wird er versuchen, diese zu beheben. Damit verschwinden bei diesen Formen oft auch die Beschwerden. 

Daneben gibt es eine eigenständige, genetisch bedingte Ausprägung der ruhelosen Beine. Menschen mit familiärer Vorbelastung bemerken die Unruhe in den Beinen häufig schon in jungen Jahren. Jedoch ist sie zu Beginn der Krankheit oft sehr milde ausgeprägt und von monatelangen Pausen unterbrochen, so dass ein Arzt erst viel später konsultiert wird. „Bei der genetischen Variante hilft eine Therapie mit Medikamenten, die in das Dopaminsystem eingreifen“, sagt Prof. Kassubek. Meist verschreibt der Arzt den Wirkstoff Levodopa, eine Vorstufe von Dopamin, oder Dopaminagonisten, die ähnlich wie Dopamin wirken. Diese Medikamente beseitigen nicht die Ursache der Krankheit, doch sie können die Symptome erheblich bessern. 

„Medikamente dämpfen die Unruhe in den Beinen“, bestätigt Rita Beranek, „Aber genauso wichtig sind eine positive Haltung und Lebensmut.“ Die langjährige Betroffene engagiert sich als Sprecherin einer Ulmer RLS-Selbsthilfegruppe und unterstützt andere Menschen dabei, ihre Krankheit anzunehmen und ihr Leben darauf einzustellen. Mit ein wenig Geschick lassen sich im Büro feste Pausen zum Umhergehen planen oder Schreibarbeiten am Stehpult erledigen. Wer vor einem Theaterbesuch mit genügend Vorlauf Gangplätze reserviert, kann während der Vorstellung unbemerkt aufstehen. Die Bedeutung harmonischer Momente wie eines anregenden Konzertabends oder eines bewusst erlebten Sonnenuntergangs darf nicht unterschätzt werden. Solche Erlebnisse schaffen einen Ausgleich zur zermürbenden Wirkung der chronischen Beschwerden.

Viele Betroffene versuchen die Dosierung der Medikamente und damit auch deren Nebenwirkungen durch begleitende Maßnahmen niedrig zu halten. „Eine gute Schlafhygiene fördert erholsame Nächte“, rät Prof. Kassubek. Dazu zählen feste Zeiten fürs Zu-Bett-Gehen oder auch eine Pufferzone vor der Nachtruhe, in der Stress und körperliche Anstrengungen vermieden werden. Das Schreiben eines Krankheitstagebuchs kann helfen, persönliche Symptomauslöser und Verstärker aufzuspüren und künftig zu vermeiden. Manche Patienten berichten über die positive Wirkung von Entspannungstechniken, die mit  Muskelanspannung einhergehen, zum Beispiel Qi Gong. Andere schwören auf mäßigen Ausdauersport auf dem Fahrrad oder lindern die Unruhe in den Beinen durch Kälteanwendungen wie Einreibungen mit Franzbranntwein, nächtliches Tautreten und kalte Beinduschen. 

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt ein Ärzteteam am Klinikum Bremen-Ost: Im Rahmen einer Pilotstudie ließen die Forscher Patienten drei Minuten lang in einer minus 60 Grad kalten Kammer umhergehen. Die Mitglieder einer Kontrollgruppe wurden bei minus fünf Grad in die Kammer geschickt, eine weitere Gruppe erhielt lokal begrenzte Kälteanwendungen an den Beinen. „Im Vergleich zu den Kontrollgruppen erzeugte die Therapie in der 60-Grad-Kältekammer eine bessere Schlafqualität, eine geringere Bewegungshäufigkeit der Beine und insgesamt eine verbesserte Lebensqualität“, berichtet einer der Studienleiter, Chefarzt Dr. Rudolf Siegert. Welche genauen Wirkmechanismen für die positiven Effekte verantwortlich sind, ist noch nicht vollständig geklärt. „Hierfür gibt es unterschiedliche Erklärungsansätze“, sagt Dr. Siegert, “die aber in größeren Studien belegt werden müssten.“ 

Testen Sie sich selbst 

Vier Kriterien reichen zur Diagnose des Restless-Legs-Syndroms aus. Falls Sie alle Fragen mit Ja beantworten, hilft ein  Termin beim Neurologen, den Verdacht auf die Krankheit weiter abzuklären.

1. Spüren Sie einen Bewegungsdrang in den Beinen, der mit sensiblen Missempfindungen einher geht?

2. Treten die Beschwerden ausschließlich in Phasen der Ruhe und Entspannung auf?

3. Bessern sich die Empfindungen durch Bewegung?

4. Machen sich die Symptome überwiegend am Abend oder in der Nacht bemerkbar? 

Mehr Informationen

Broschüren sowie Adressen von RLS-Ambulanzen und Selbsthilfegruppen verschickt die Deutsche Restless Legs Vereinigung gegen einen Umschlag mit 3 Euro in Briefmarken an: RLS e.V., Schäufeleinstr. 35, 80687 München. Kontakt: Tel. 089/ 55 02 88 80; Internet: www.restless-legs.org.