Komm, wir lesen!

Die intimen Momente beim gemeinsamen Stöbern in Bilderbüchern sind für Babys wunderbar. Gleichzeitig erhalten die Kleinen dabei eine einzigartige Sprachförderung. Interview mit der Kinderbuchautorin Kirsten Boie.

Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift Leben & erziehen.

Die Hamburger Kinderbuchautorin Kirsten Boie (59) promovierte in Literaturwissenschaft und arbeitete als Lehrerin am Gymnasium bevor sie sich dem Schreiben widmete. Inzwischen sind von ihr mehr als 60 Bücher erschienen, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Sie unterstützt u.a. das Projekt “Buchstart Hamburg”, bei dem alle Hamburger Babys bei der Vorsorgeuntersuchung zum ersten Geburtstag eine Büchertasche vom Kinderarzt überreicht bekommen.

Wann ist der beste Zeitpunkt für das erste Bilderbuch?

Babys lieben Bilderbücher schon lange bevor sie sprechen können. Ungefähr mit zehn Monaten freuen sich die meisten von ihnen über Bücherstunden mit Mama oder Papa. Am Anfang geht es dabei weniger ums Vorlesen als vielmehr darum, gemeinsam mit dem Kind den Gegenstand “Buch” kennenzulernen. Allmählich begreift das Baby, dass jeder Abbildung ein Ding in der realen Welt zugeordnet werden kann.

Kann das Fernsehen Bilderbücher ersetzen?

Nein. Es gibt zwar wunderbare TV-Sendungen für Kinder, doch die Kleinen  lernen das Sprechen nicht durch Zusehen und Zuhören allein. Dazu benötigen sie einen sprachlichen Austausch mit anderen, bei dem sie Sprache aktiv üben und anwenden können. Außerdem ist inzwischen durch Studien  erwiesen, dass Fernsehkinder kaum in der Lage sind, innere Bilder zu entwickeln. Deshalb haben viele von ihnen in der Schule Probleme, aufmerksam zuzuhören und sich zu konzentrieren.

Wie oft sollten Eltern mit ihren Kindern Bücher anschauen?

Am besten täglich. Als wiederkehrendes Ritual, an einem bestimmten Ort und zu einer  bestimmten Zeit, wird die Bücherstunde zu einem festen Bestandteil im Familienalltag. Manche Kinder genießen ihre Bücherzeit lieber nach dem Mittagsschlaf, andere abends vor dem Einschlafen. 

Wie werden Mama und Papa zu guten Bilderbuch-Lesern?

Eltern sind von Natur aus gute Vorleser. Sie brauchen nur auf ihr eigenes Gefühl zu hören und das zu beachten, was ihr LieblingKind gerne möchte. Wenn Eltern beim Bilderbuch Anschauen eine Situation schaffen, in der das Kind aus dem Buch das mitnimmt, was es am meisten interessiert, ist das wichtigste Ziel erreicht. Das heißt: Das Kind darf bestimmen, was es anschauen will und was nicht. Manche Seite will ein Kind sieben Mal hintereinander ansehen, eine andere dagegen gar nicht, weil ihr Inhalt es vielleicht ängstigt. Eltern sollten sich immer vom aktuellen Interesse ihres Kleinen leiten lassen.

Warum brauchen Babys Bücher?

Bücherbabys können früher und mit mehr Vergnügen sprechen und behalten ihren Sprachvorsprung ein Leben lang. Sie lernen auch immer besser, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Wer mit seinen Kindern regelmäßig Bücher ansieht, gibt ihnen etwas Unersetzliches für ihr ganzes Leben mit: Sie besitzen ihr Leben lang in jeder Situation eine Quelle für Spaß und Spannung und Trost. 

Wie sieht ein gutes Bilderbuch aus?

Gute Bilderbücher sind verständlich, aber nicht trivial. Text und Bild ergänzen sich. Sie laden immer wieder zum Schauen ein und regen zum Sprechen darüber an. Sie lassen Raum für Fantasie und greifen kindliche Gefühle auf. Es gibt erste Bücher, die Kinder nicht vergessen, weil sie ihr Herz berühren. Durch ihre Farben, ihre Geschichte oder einen besonderen Humor.