Ich geh meinen Weg!

In Sankt Elisabeth lernen junge Frauen und junge Männer, ihren Platz im Beruf und in der Gesellschaft einzunehmen. Das Besondere: Seit über 40 Jahren gibt es in dem Augsburger KJF Berufsbildungs- und Jugendhilfezentrum Angebote speziell für Frauen. Das Ergebnis sind Erfolgsgeschichten wie diese…

Dieser Artikel wurde auf der Website der Katholischen Jugendfürsorge Augsburg (KJF) veröffentlicht.

Ein kleiner Ort im Allgäu, schmucke Häuser, Bilderbuchlandschaft. Hier wächst Lara Kuhls* auf. Es fällt ihr schwer, Freundschaften zu schließen und zu halten. Dem fiesen Mobbing in der Schule kann das Mädchen mit den sanften braunen Augen nichts entgegenhalten. Lara entwickelt einen Kontrollzwang, der ihren Alltag bald bestimmt. Zwei Berufsausbildungen scheitern. 

Szenenwechsel: Heute lebt Lara als angehende Kauffrau für Büromanagement im zweiten Lehrjahr in einer verselbstständigten Wohngemeinschaft im Internat von Sankt Elisabeth in Augsburg. Nach einem Klinikaufenthalt zur Therapie des zwanghaften Verhaltens kam sie als Quereinsteigerin in die Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme (BvB) des KJF Berufsbildungs- und Jugendhilfezentrums. Der Job macht ihr Spaß. Hier im Büro gelingt Lara ein normaler Umgang mit Menschen, „mit denen ich eigentlich nicht gut klar komme“. In ihren vorangegangenen Ausbildungen war sie daran gescheitert.

„Viele Jugendliche kommen aufgrund von Lernbeeinträchtigungen zu uns“, sagt Cornelia Kappus vom psychologischen Fachdienst der Einrichtung. Doch der Anteil junger Menschen mit psychischen Belastungen sei in den letzten zehn Jahren stark gestiegen. In vielen Fällen führten traumatisierende Erlebnisse zu einer Beeinträchtigung der persönlichen Entwicklung und zur Einschränkung von kognitiven und sozialen Möglichkeiten, so die Psychologin. 

Verzahnung von Ausbildung und Therapie 

Sankt Elisabeth gilt unter Fachleuten als vorbildliche Maßnahme für junge Frauen mit Traumatisierungen. Muss das Jugendamt eine Heranwachsende aus der Familie holen, ist das KJF Berufsbildungs- und Jugendhilfezentrum Sankt Elisabeth eine gute Wahl – dank des integrierten Konzepts aus Ausbildung, Berufsschule, pädagogischer und therapeutischer Hilfe sowie unterschiedlichen Wohnangeboten. Alle Teilnehmer werden hier individuell und ganzheitlich betreut und gefördert.

In der Augsburger Einrichtung arbeiten Therapeuten und Ausbilder Hand in Hand. Die einen  übersetzen psychologische Problematiken für die anderen in pädagogische Handlungsfelder. Auf diese Weise können Ausbilder die jungen Menschen in schwierigen Phasen kompetent unterstützen – oft lässt sich dadurch der Beginn einer psychischen Krise abwenden. Auf lange Sicht werden Ausbildungsabbrüche vermieden und Kosten gespart.

Individuelle Unterstützung

Junge Menschen wie Lara profitieren davon. Kommen sozialer Stress, Prüfungsängste und andere Einflüsse zusammen, wird der 23-Jährigen heute noch alles zu viel. Doch anstatt negative Gefühle einfach zu schlucken oder diese in ein zwanghaftes Verhalten zu kanalisieren, kann die Auszubildende in Sankt Elisabeth ganz offen mit ihrer Vorgesetzten sprechen. Bei einem akuten Problem darf sich Lara während der Arbeitszeit zurückziehen. Dafür gibt es in Sankt Elisabeth eine gute Lösung: das ZiF. 

Lara öffnet die Tür zum „Zentrum für individuelle Förderung (ZiF)“. Drinnen gibt es eine Teeküche, ein kleines Zimmer fürs therapeutische Personal und zwei großzügige, voneinander getrennte Bereiche für junge Frauen und Männer. Sofas, Couchtische, Bilder an den Wänden, allerlei Deko. Wer hierher kommt, trifft jederzeit auf offene Ohren des Fachpersonals. „Gespräche helfen, die eigenen Gedanken und Gefühle besser zu sortieren. Man kann die Perspektive wechseln und gewinnt Abstand“, erklärt Lara. Meist reiche diese Unterstützung aus, um am nächsten Tag wieder fit für die Arbeit zu sein.

Angebote für Frauen

Vor 40 Jahren wurde Sankt Elisabeth als Einrichtung für junge Frauen gegründet. Heute steht das KJF Berufsbildungs- und Jugendhilfezentrum in Augsburg allen Menschen mit psychischen Problemlagen offen und bietet Lernförderung, Traumatherapie und weitere pädagogische Angebote. Die therapeutische Ausrichtung auf junge Frauen ist geblieben. Zu den besonderen Angeboten zählen:

·     Weibliche Führungskräfte 75 Prozent der Führungskräfte in Sankt Elisabeth sind weiblich. 

·     Teilzeit-Ausbildungen für junge Mütter Alleinerziehende Frauen bemühen sich auf dem 1. Arbeitsmarkt häufig vergeblich um einen Ausbildungsplatz oder scheitern an der Doppelbelastung. Sankt Elisabeth bietet die Möglichkeit, die Ausbildung in Teilzeit zu absolvieren und so Familie und Berufsausbildung zu vereinbaren. 

·     Girl Power! Im Zentrum dieses Gruppenangebots stehen das Training von Selbstbewusstsein, Selbstwirksamkeit und sozialen Kompetenzen. Die Teilnehmerinnen entdecken vorhandene Kompetenzen, trainieren neue Fertigkeiten und erproben diese im Alltag.

·     Skillstraining „Wellenreiter“ In dieser Gruppe erarbeiten sich junge Frauen Fähigkeiten, um im Alltag mit Anspannung und Gefühlschaos besser umzugehen. Dabei erkunden sie z.B. persönliche Stress-Alarmsignale und packen einen „Notfall-Koffer“, der hilft, das innere Gleichgewicht rasch wieder zu erlangen.

·     Wohngruppen für Frauen Junge Frauen, die aufgrund ihrer bisherigen Lebensgeschichte einen besonderen Schutzraum benötigen, wohnen in Sankt Elisabeth in Frauen-Wohngruppen. Die Besonderheit: Jeder Besucher muss sich anmelden und erhält Zutritt zu allgemeinen Räumlichkeiten – nicht aber in private Bereiche.

Lara fiel die Entscheidung für Sankt Elisabeth leicht. Sie wollte nicht mehr zu Hause wohnen und im Beratungsgespräch bei der Arbeitsagentur klang die Kombination aus Internat, Ausbildung und Berufsschule Augsburg ideal. Ganz bewusst wählte die junge Frau zu Beginn der Ausbildung eine Wohngruppe für junge Frauen. Vor wenigen Wochen hat sie den Wechsel in eine verselbstständigte Wohngemeinschaft gewagt. Zwei junge Männer und fünf junge Frauen leben dort. Während Lara früher im Umgang mit anderen immer unsicher war, kommt sie nun perfekt klar. „Manchmal bin ich diejenige, die den anderen sagt, wo es lang geht“, schmunzelt sie.

Integration ins Berufsleben

Die nächsten Ziele sind klar: die Gesellenprüfung gut hinbekommen und eine Anstellung finden. Beim Übergang ins Arbeitsleben werden Lara und die anderen von den Integrationsbegleitern des KJF Berufsbildungs- und Jugendhilfezentrums Sankt Elisabeth gut unterstützt. Im deutschlandweiten Vergleich erzielen sie Spitzenquoten: 92 Prozent der Teilnehmer gehen am Ende mit dem Gesellenbrief in der Hand direkt in eine Anstellung. Die langjährige Kooperation von Sankt Elisabeth mit einem Netz an regionalen Partnerbetrieben ist ein wesentlicher Baustein dieses Erfolgs. Lara sieht diesem neuen Lebensabschnitt positiv entgegen. Zurück in die ehemalige Heimat will die junge Frau nicht: „Ich bleibe auf jeden Fall hier in Augsburg.“ 

*Lara heißt in Wirklichkeit anders. Zum Schutz ihrer Identität haben wir den Namen der jungen Frau geändert.