Die schlimmen Schulgeschichten des Rektors im Ruhestand

Georg Fritz hat die Zeit erlebt, als Pädagogen prügeln durften. Er greift nur noch zur Anschauung nach dem „Dazznstegga“.

Dieser Artikel erschien in der Augsburger Allgemeinen Zeitung.

Zu Großvaters Zeiten war die Schule kein Zuckerschlecken. „Der Lehrer blickte von einem Po- dest auf die Klasse herab und hatte den Dazznstegga immer griffbereit“, erinnert sich Georg Fritz, der 1945 in Bobingen eingeschult wurde. Besonders übel wurde die Züchtigung eines Tages, als drei seiner Mitschüler Lebensmittelmarken geklaut und sich davon Bonbons gekauft hatten.

Dummerweise war der Bestohlene ein Polizist und des Lehrers Prügel für die auf der Hosenspannerbank liegenden Kinder wollten kaum enden. „Wir anderen saßen in den Bänken und haben am ganzen Leib gezittert“, erzählt Fritz im Alten Schulsaal in Bobingen, in dem ein vollständiges Klassenzimmer mit alten Möbeln eingerichtet ist. Eine Hosenspannerbank ist auch dabei.

Schüler von heute werden das Möbelstück vermutlich mit einem gewöhnlichen Schemel verwechseln. Doch ältere Besucher des Schulsaals wissen genau, wofür es tatsächlich diente: Vor den Augen der ganzen Klasse mussten sich Missetäter bäuchlings darauflegen und die Schläge des Lehrers aufs Gesäß ertragen. Zum Glück nahmen Körperstrafen in den 60er- und 70er-Jahren in den Schulen immer mehr ab. Doch erst 1983 schrieb Bayern das Verbot zur körperlichen Züchtigung durch Lehrer tatsächlich per Gesetz fest.

Aus dem Schüler Georg Fritz wurde ein Lehrer und dieser war bis 2001 der Leiter der Bobinger Haupt- beziehungsweise Mittelschule. Auch nach seiner Pensionierung ließ ihn die Schule nicht los. In mühevoller Arbeit bestückte Fritz ein Klassenzimmer unterm Dach der ehemaligen Mädchenschule mit alten Schulmöbeln aus Bobingen und der Umgebung. Wer hier selbst die Schulbank drückte, wird in der Ausstellung die alte Schulglocke erkennen, die Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert, der Sohn des ehemaligen Bobinger Schulhausmeisters, dem Museum gestiftet hat.

In der authentischen Atmosphäre des Schulhauses wirkt das alte Klassenzimmer mit ledernen Ranzen, Viererbänken, erhöhtem Lehrerpult, Tafeln und einem Holzofen besonders eindrücklich. Einzigartig wird ein Besuch des Alten Schulsaals allerdings erst durch die Leidenschaft, mit der der ehemalige Schulleiter seine Gäste durch die Ausstellung führt. Seine Anekdoten aus der alten Zeit erfüllen den Raum mit Leben und machen den Schulalltag von damals ganz leicht begreifbar. Kinder, die einen direkten Vergleich zu ihrer Schule ziehen, werden diese Geschichten aufsaugen – und sich hernach sicherlich weniger über die eigene Penne klagen.

Wer würde da schon tauschen wollen: Stillsitzen, die Hände flach aufs Pult legen und im Deutschunterricht ganze sieben Zeugnisnoten kassieren. In der kleinen Ausstellung im Vorraum des Schulsaals weist ein Zeugnis von 1860 Noten für Lesen, Schönschreiben, Gedichte auswendig lernen, Rechtschreiben, Sprachlehre und schriftliche Aufsätze aus. „Die dümmsten Schüler kamen nicht auf eine Förderschule, sondern saßen vorne oder ganz hinten in der Eselsbank“, berichtet Georg Fritz. Klar, dass der Eselsbänkler genauso oft abgefragt wurde wie seine Mitschüler. Falsche Antworten quittierte der Lehrer niemals mit einer neuen Erklärung. Er griff lieber zum Dazznstegga.

Je weiter man in der Schulgeschichte zurückgeht, desto geringer war das Ansehen des Lehrers in der Gesellschaft. Das zeigt Georg Fritz anhand von Dokumenten, die er aus dem Bobinger Archiv zusammengetragen hat. „Früher war der Lehrer dem Pfarrer unterstellt. Nach dem Unterricht musste er niedrige Arbeiten verrichten wie die Kirche putzen oder die Toten zum Friedhof bringen“, erzählt der Schulhistoriker. Kein schönes Leben. Doch manchen Schüler wird’s gefreut haben, wenn der Lehrer auf Knien den Kirchenboden scheuern musste.

Wer nach dem anschaulichen Ausflug in die Schule von gestern Lust auf mehr Bobinger Geschichte hat, findet auf demselben Stockwerk das Textil- und Hauswirtschaftsmuseum mit einem komplett eingerichteten Küchenzimmer und einem Raum mit Handarbeiten aus dem Schulunterricht. Darüber hinaus läuft gerade eine Sonderausstellung zur Geschichte des Pergamentherstellers Wildbrett.