„Als das Wünschen noch half…“

Dieses Interview wurde in der Zeitschrift Leben & erziehen veröffentlicht.

Interview mit dem Schauspieler und Buchautor Rufus Beck

Ihr neues Buch handelt von Märchen und den Werten, die Kinder durch sie entdecken können. Sind Märchen denn noch zeitgemäß?

Ja, natürlich. Mein Buch ist ein Plädoyer für Märchen, weil sie vom Volksmund weitergegebene Mythen behandeln und tiefe Menschheitsgeschichten enthalten. Märchen sind aufgebaut wie ein moderner Actionfilm. Es gibt einen Helden und einen Antihelden, die Handlung spielt in einer Schwarz-Weiß-Welt und behandelt den Kampf zwischen dem Bösen und dem Guten, das am Ende siegt. Kinder können sich darauf besonders gut einlassen, deshalb sind für mich Märchen aktuell. 

Was lernen Kinder aus Märchen?

Märchen nehmen den Zuhörer mit auf eine emotionale Achterbahn-Fahrt. Oft wollen Kinder gerade diese Angst im Märchen spüren, um dann den Trost zu bekommen, dass das Gute sich durchsetzt. So können sie erfahren, dass allgemeingültige Werte, wie Ehrlichkeit und Loyalität, am Ende siegen. 

Nehmen wir die Geschichte von Hänsel und Gretel. Ist sie nicht zu grausam für Kinder?

Märchen sprechen Urängste an, die auch Erwachsene mit sich herumschleppen: ausgeliefert sein, allein sein, seine Familie verlieren, von den Eltern verlassen sein. Die Geschichte von Hänsel und Gretel im Wald beschreibt genau solche Ängste. Aber jedes Märchen spielt in einer künstlichen Welt. Kinder erkennen das sofort. Was ihnen von Hänsel und Gretel oft in Erinnerung bleibt, ist das Lebkuchenhaus aus lauter Süßigkeiten. Über dieser fantastischen Vorstellung vergessen sie, dass darin eine Hexe wohnt, die ein Menschenschlächter ist. Kinder können das Schreckliche an Märchen ertragen, weil sie auch etwas Schönes und Fantastisches bekommen.

Ab welchem Alter können Kinder Märchen wirklich begreifen?

Eltern können schon einem Baby vorlesen, weil es diesen Moment der Intimität sehr genau spürt: Ich trage dir etwas vor und ich muss mich dabei anstrengen, damit Bilder rüberkommen. Natürlich merkt man sofort, wenn ein Kind unruhig wird und sich fürchtet. Dann sollten Eltern darüber sprechen oder mit der Geschichte aufhören. 

Wie lautet die schönste Stelle Ihres Lieblingsmärchens?

„Wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute…“ Dieser Satz gleicht einem musikalischen Akkord, der endlos lange nachklingt, als würden seine Töne um die Welt reisen. Dieses Ewigliche im Weitergetragen werden ist ein sehr schönes Bild. Es gibt einen weiteren Satz, den ich sehr gern mag: „In Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat.“ Diese Worte lassen einen spüren: Es gab da einen Zauber. Vielleicht kann man ihn wiedererwecken? Mit der Vorstellung eines Zaubers in unserer Alltagswelt, der nur irgendwo versteckt ist, spielen heute ja viele Bücher: Harry Potter, zum Beispiel. Menschen lieben das Übersinnliche, das nicht Erklärbare, das Zauberhafte und Geheimnisvolle. Später nennen wir es Esoterik, für Kinder sind es die Märchen.

Wozu brauchen Kinder Werte?

Werte sind Spielregeln, ohne die ein Chaos ausbrechen würde. Sie schaffen eine Ordnung, die unser Zusammenleben erleichtert. Kinder brauchen Werte, um sich daran zu orientieren. Sie benötigen Führung. Eltern dürfen diese Führung nicht abgeben. Als Vater oder Mutter kann man nicht der Freund seines Kindes sein. Kinder brauchen zwar ein freundschaftliches und liebevolles Verhältnis, aber die Eltern sind immer in der Führungsposition und tragen Verantwortung. Deshalb müssen sie es sich auch gefallen lassen, angefeindet zu werden. Da gibt es nicht nur Sonnenschein. 

Welche Rolle spielen Werte in der Erziehung?

Erziehung bedeutet, dass man ununterbrochen Werte vermittelt, die einem teuer und wichtig sind. Das können auch Werte sein, die man selbst gar nicht gelebt und beibekommen hat, aber die man unbedingt an den Kindern verwirklicht sehen möchte. Wer Kindererziehung ernst nimmt, möchte die Welt besser machen.

Was ist Ihnen bei der Erziehung Ihrer eigenen Kinder wichtig?

Das lässt sich von den christlichen zehn Geboten ableiten: nicht betrügen, nicht lügen, das Leben ehren, Vater und Mutter respektieren. Es gibt viele kleine Dinge im täglichen Leben, die wichtig sind: zum Beispiel, dass man beständig bleibt. Nur durch Beständigkeit kann man Selbstvertrauen gewinnen. 

Wie wertvoll ist das Vorlesen in der Familie?

Beim Vorlesen geht es um den gemeinsamen Spaß. Wenn der nicht da ist, kann die Verbindung zwischen Zuhörer und dem, der vorträgt, nicht entstehen. Es ist schön, wenn Familien ein Ritual daraus machen, zum Beispiel jeden Abend vor dem Schlafengehen. Kinder mögen Regelmäßigkeit, deshalb können sie auch dieselbe Kassette Hundert Mal hören. 

Sie machen Hörbücher für Kinder. Worauf kommt es an, wenn man für Kinder liest?

Ein guter Tipp für Eltern ist: nicht zu schnell sprechen. Es ist wichtig, sich beim Lesen vorzustellen, worüber man liest. Wenn ich lese, lasse ich mir Zeit, damit Bilder entstehen. Ich strukturiere den Text und rede nicht in einem Singsang. Denn ich will ein bisschen verführen und ich nehme den anderen mit auf eine Reise. Das ist, als ob ich jemanden an die Hand nehme und herumführe: Mal behutsam, mal schneller, hoch und runter. Ich habe Verantwortung für den anderen und die nehme ich an, indem ich ihm etwas mitteile.

Haben Ihre Kinder Ihnen gerne zugehört, auch als sie schon selbst lesen konnten?

Meine Kinder hören mir heute noch zu, wenn ich ihnen Manuskripte vorlese. Sie kennen natürlich alle meine Hörbücher. Wir haben ja alle künstlerische Berufe und die Kinder sind damit aufgewachsen.

Unter dem Titel „Geschichten für uns Kinder“ haben Sie Erzählungen mehrerer Schriftsteller veröffentlicht. Wären Sie gerne selbst ein wenig Kind?

Das Kindhafte ist ein ganz wesentlicher Bestandteil meines Berufs. Spielen ist ein Urinstinkt und gleichzeitig Teil meines Lebens und der Schauspielerei. Lust am Spielen, Leidenschaft und Hingabe muss jeder Schauspieler besitzen. 

Was war ihre Lieblingsrolle? 

Die gibt es nicht. Ich denke da anders: Ich freue mich immer auf das, was kommt, und liebe neue Herausforderungen.

Wie wichtig sind Eltern für eine glückliche Kindheit?

Eltern sind für Kinder unheimlich wichtig, weil sie wie eine Lebensversicherung sind. Kinder spüren: Ohne diese beiden Menschen gäbe es mich nicht. Das Schöne in der Eltern-Kind-Beziehung ist, dass die Liebe ohne ein Wollen fließt. Das Magische daran ist, dass man sich nicht auf einen Menschen bezieht, sondern auf zwei: Vater und Mutter.

Welche Bedeutung haben Kinder für ein glückliches Erwachsenendasein?

Meine Zauberformel ist: Wenn man es nicht genießt, Kinder zu haben, wenn man sich nicht seinen egoistischen Spaß als Vater oder Mutter holt, dann hat man auch nichts davon. Geht man das Elternsein aber egoistisch an, findet man viele Dinge, durch die man auch etwas bekommt. Wie oft im Leben hat man zum Beispiel die Chance, jemand anderen über einen so langen Zeitraum hinweg zu beobachten? Wir können uns bei wenigen Menschen so einmischen wie bei unseren Kindern. Ich empfinde es als etwas sehr Schönes, für meine Kinder da zu sein, Anteil zu haben und Verantwortung zu tragen. Meine Maxime lautet: Lieben ist viel wichtiger als geliebt zu werden. Das können wir als Eltern wunderbar jeden Tag ausleben.

Zur Person

Rufus Beck wurde 1957 in Heidelberg geboren und studierte dort Philosophie,  Islamwissenschaften und Ethnologie. Er  zählt seit Jahren zu den am meisten beschäftigten Film-, TV-, und Theaterschauspielern Deutschlands. Für seine Darstellung von „Waltraut“ in dem Film „Der bewegte Mann“ (1994) wurde er mit dem Bambi ausgezeichnet. Im Kinderfilm „Die Wilden Kerle – Alles ist gut, solange du wild bist!“ spielte er zusammen mit seinem Sohn Jonathan. Zuletzt bezauberte er als Zwackelmann in dem Kinofilm „Räuber Hotzenplotz“ große und kleine Zuschauer. Besondere Popularität genießt er als Erzähler von Hörbüchern. Rufus Beck ist verheiratet mit Ehefrau Ivonne und Vater von Sarah, Jonathan und Natalie. Weitere Infos: www.rufus-beck.de