Im Reich der Finsternis

Jede Höhle ist einzigartig und eröffnet Kindern und Eltern eine faszinierende Welt. Im Hölloch im Muotatal gibt es kein Licht außer dem Schein der Stirnlampe. Im Dunkeln konzentrieren sich die Sinne auf das Wesentliche, und kleine Forscher erfahren, wie die Höhle lebt und ständig wächst.

Dieser Artikel wurde im Wandermagazin Schweiz veröffentlicht. 

Finsternis umhüllt uns bereits wenige Meter nach dem Eintritt durchs Höhlenportal. Keine Nacht ist so völlig ohne Licht wie das Hölloch, wenn alle ihre Stirnlampen löschen. Nils (11) und Sarah (10) verstummen vor Ehrfurcht. Um uns herum absolute Stille – bis ein Wassertropfen von der Decke mit lautem Plopp zu Boden knallt. Da macht das Herz einen Satz. «Ich glaube, die Felsen wandern auf mich zu», flüstert Sarah. Gleich entfacht unser Höhlenführer Marcel Rota die Flamme seiner Karbidlampe. Ihr Schein taucht die Wände in warmes, rötliches Licht.

Während die Sinne draußen ständig unter Dauerbeschuss stehen und sie einfache Formen und Farben der Natur oftmals kaum mehr wahrnehmen können, wirken die reduzierten Reize der Höhle auf die Besucher viel stärker. Das wird bereits auf den ersten 700 Metern der Familien-Expedition klar, die durch den Schauteil der Höhle führen. Die Augen konzentrieren sich auf das, was direkt im Lichtkegel der Stirnlampe erscheint: die Säulen im Dolomitensaal und die schüsselartigen Becken, die das Wasser am Wegrand gräbt. Der Schaubereich wurde zu Beginn des vorigen Jahrhunderts mit Wegen und mit elektrischem Licht erschlossen. Doch die Gewalt des Wassers hat die damals vorgenommene Elektrifizierung bald vernichtet, so dass Besucher bereits hier ungewohnte Dunkelheit und Ruhe spüren.

Im naturbelassenen Bereich wird der Weg furchig und schmal. «Der Name Hölloch stammt von der Bezeichnung ‹hähl› für rutschig: e hähls Loch», erzählt Marcel. Wer durch die engen Tunnel wandert, kommt der Bedeutung schnell auf die Spur. Hier sind die weichen Sohlen der Gummistiefel praktisch, die man zusammen mit Helm, Stirnlampe und einem Höhlenforscher-Overall ausleihen kann. Das ganze Jahr über herrscht in der Höhle eine Temperatur von sechs Grad. Dennoch kommen wir bald ins Schwitzen. Die Kinder haben ihre Nasen vorn, der Vater kriecht bisweilen auf allen vieren hinterdrein. Bei nahezu 100 Prozent Luftfeuchtigkeit dampfen seine Knie durch den Stoff der Hose und sein Atem kondensiert. Die Kinder fordern den Papa heraus: Wessen Atem malt die schönsten Rauchringe in die Luft?

Erdgeschichte zum Anfassen

Von den 50 Tierarten, die im Dunkel des Höllochs überleben können, finden wir nur eine einzige: glänzende Würmer, die entsetzt vor dem Schein der Lampen flüchten. Dann eine skurrile Entdeckung: die Versteinerung einer Riesenschnecke! Wie kommt die hierher? Ganz einfach. «Früher war das Gebiet der Schweiz ein riesiges Meer», erklärt Marcel. Der Muschelkalk und die Überreste der Meeresbewohner von damals sind die Grundlage der heutigen Kalksteingebiete. «Damit eine Karsthöhle wie das Hölloch entsteht, ist neben Kalkstein noch saures Regenwasser nötig, das diesen beim Versickern auflösen kann», beschreibt der Höhlenführer. Auf diese Weise werden hauchfeine Risse und Klüfte im Fels immer grösser und weiten sich im Lauf von Tausenden und Millionen von Jahren immer weiter aus – bis hin zu meterbreiten Tunneln unter der Erde.

Das Hölloch mit seinem 200 Kilometer langen Höhlensystem ist ein erdgeschichtliches Museum, das ständig weiter wächst. Man muss nur verstehen, seine Spuren zu lesen. Während einer Rast sitzen Nils und Sarah in einem niedrigen Gang auf dem feuchten Boden. In diesem Teil der Höhle gibt es nichts als grauen Stein mit weissen Calcitadern, deren Ausrichtung verrät, wie die Erdkräfte den Fels zusammenpressen. Kaum zu glauben, dass dieser Tunnel an anderen Tagen bis an die Decke mit Wasser gefüllt ist. Die Kinder befühlen das wellenfömige Muster auf dem Boden. «Je engmaschiger die Struktur auf dem Fels, umso schneller ist die Geschwindigkeit des Wassers», erklärt Marcel. Mit ein wenig Übung und Hilfe vom Profi können die jungen Höhlenforscher anhand der Spuren schon bald die Fliessrichtung des Wassers bestimmen. Sie führt nach oben!

Neuland entdecken

Im Bauch der Erde scheint die Zeit still zu stehen, und der Alltag mit all’ seinen Dringlichkeiten bleibt an der Oberfläche zurück. «Die meisten Besucher verlieren hier unten das Gefühl für die Zeit», sagt Marcel Rota mit einem Lächeln. Viele von ihnen kommen immer wieder in die Höhle zurück. Süchtig nach der Ruhe der Felswände, durch die das Wasser seit Tausenden von Jahren seine Tunnel gräbt. Manche Gruppen bleiben für mehrere Tage und biwakieren in der ewigen Finsternis.

Für Kinder ist das Gelände der natürlichen Höhle auch eine perfekte Spielwiese. Der zerklüftete Weg, den das Wasser gegraben hat, ist niemals eintönig oder langweilig. Nils und Sarah klettern rauhe Wände hoch, beschmieren sich gegenseitig mit feuchtem Sinter und kriechen in die engsten Spalten hinein. «Wer in einer Höhle einen bislang unbekannten Saal entdeckt, hat das Recht, diesen zu benennen», schmunzelt Marcel. Das stachelt die Neugierde der kleinen Entdecker zusätzlich an. Felswände, Schluchten und Abhänge werden durch Eisentritte und Leitern begehbar. Marcel kennt die Wege in der Höhle auswendig und kann die Tour ganz individuell nach den Vorlieben und der Kondition der Teilnehmer gestalten. Sogar eine Rutschpartie auf dem blanken Hosenboden über den Fels hat er parat!

Jede Höhle stellt besondere Herausforderungen, durch deren Bewältigung das Selbstbewusstsein von Kindern wächst. Darüber hinaus ist die Begehung immer eine Gruppenunternehmung, die alle gemeinsam beginnen und beenden. Schwierige Passagen werden durch den Zusammenhalt in der Gruppe leichter überwunden. Einen ausgesetzten Felsvorsprung überwinden wir beispielsweise per Räuberleiter: einer hilft dem anderen nach oben. Dabei spüren Kinder die Geborgenheit in der Familie besonders intensiv.

Schneller als gedacht gibt uns die Höhle dem Tageslicht preis. Das Grün der Natur scheint satter als sonst, die Vögel zwitschern kräftiger und der Wald riecht intensiver. Verschworen und mit verschmierten Gesichtern blinzeln sich Nils und Sarah zu: «Die Entdeckung unseres eigenen Höhlensaals sparen wir uns für die nächste Begehung auf!» Gut möglich. Immerhin vermuten die Forscher in dem riesigen Karstgebiet ums Hölloch weitere 1000 Kilometer Höhlengänge, in die noch kein Mensch einen Fuß gesetzt hat…