Build my Bike

In einer Züricher Werkstatt verwandeln Liebhaber ihre schlichten Dreigänger in exzentrische Tretobjekte. Wer den Kurs bucht, benötigt zwei Dinge: ein altes Rad und eine Idee für seine neue Form. Der Rest ist learning by doing.

Dieser Artikel wurde im Fahrradmagazin Trekkingbike veröffentlicht.

Es war einmal ein alter und viel gefahrener Drahtesel, dessen Herr blickte neidvoll auf die Cruiser-Ritter seiner Heimat Zürich. Da traf er einen Werklehrer und phantasievollen Tüftler, der hässliche Entlein aus Stahl in prachtvolle Schwäne verwandeln konnte. Ihm wollte er es gleich tun. Der Herr zeichnete einen Rahmen als Engelsflügel. Er sägte, feilte, bog neue Rohre, lötete und schweißte alles zusammen. Am Ende gab er dem Unikat reichlich weiße Farbe und nannte es „Angel Wing“.

So wurde für Mike Feusi aus Zürich ein Märchen wahr. Für die Idee seines Konzeptrads musste sich der designverliebte Bastler weit vom eigentlichen Anspruch des Fahrradbau-Kurses entfernen, möglichst viele alte Teile in eine neue Form zu integrieren. Mike Feusi hat lediglich die Ausfallenden und das Steuerrohr weiter verwendet. Doch in der Regel spielen die meisten Kursteilnehmer unter der Leitung von Werklehrer Thomas Neeser virtuos mit den Zitaten ihres Originals.

Vor fünf Jahren gründete Thomas Neeser in Zürich das Fahrradlabel Fretsche, für das er unverwüstliche Dreigänger aus den 50-er bis 80-er Jahren dekonstruiert und die Fragmente in ein individuelles Rad integriert. „Ich will das Alte im Neuen sichtbar lassen und dem Rad ein Leben in einer anderen, hybriden Form geben“, erklärt der diplomierte Werklehrer und passionierte Nostalgiker, dessen Unikate Namen wie „Landiwiese“ und „Vue des Alpes“ tragen und in ausgewählten Läden ausgestellt sind. Wer lieber selbst kreativ ist, kann im Rahmen eines Fahrradbau-Kurses Hand anlegen.

Der Blick in die Werkstatt löst Staunen aus: Die Wände zieren goldene Kerzenleuchter und Landschaften in Öl, ein MP3-Player läuft über Wharfdale-Boxen aus den 60-er Jahren. Die Gäste werden aufs Biedermeiersofa gebeten. Inmitten dieser skurrilen Szene arbeiten höchst unterschiedliche Menschen: Lehrer, Designer, Baufachleute, Werbetexter. Vorkenntnisse im Rahmenbau haben sie keine. Schweißen, biegen, löten, feilen und planen lernen die Teilnehmer im Kurs. Einzige Bedingung ist ein Fahrrad, das idealerweise eng mit der Biographie des Besitzers verbunden sein sollte.

Nicht immer lassen sich die anfänglichen Ideen in der Praxis umsetzen. „Ich habe mich mit verschiedenen Entwürfen an die finale Flügelform des Rahmens herangetastet“, blickt Mike Feusi zurück. Nach dem Okay von Thomas Neeser übertrug der Flügeldesigner seine Skizze auf eine Planzeichnung im Format 1:1. Anhand dieses Plans wurden dann die Rohre geschnitten, gebogen und gefeilt. Durch wiederholtes Auflegen der Teile auf die lebensgroße Zeichnung kontrollieren die Fahrradbauer den Fortgang ihrer Arbeit.

Die größte Herausforderung kommt erst danach: das Schweißen. Schließlich kann bei der Arbeit unter Strom und mit schmelzendem Metall manches schief laufen. Dennoch hat bislang jeder Teilnehmer der Fretsche-Kurse sein Rad eigenhändig fertig gestellt. „Es ist erstaunlich, was man unter der Anleitung eines Fachmanns in kurzer Zeit lernen kann“, bestätigt Mike Feusi stolz. Nicht umsonst ziert das Selfmade-Bike heute als Designobjekt seine Wohnung: ein hässliches Entlein, das in einen Schwan verwandelt wurde…

Apropos Märchen: Die „Fretsche“ war bei den Gebrüdern Grimm der Frosch, der sich bekanntlich in einen Prinzen verwandelte. Heutzutage veredelt Thomas Neeser mit seinem Label Fretsche alte Räder. Oder verleiht ihnen Flügel. Aber das ist eine wahre Geschichte.