Alte Liebe

Der Radweg als Freilichtmuseum: Einmal im Jahr treffen sich Sammler aus drei Ländern zur historischen Spritztour am Bodensee. Reportage über die Räder der Väter.

Dieser Artikel wurde im Fahrradmagazin Trekkingbike veröffentlicht.

Begeisterungsrufe, Applaus und das Surren von Kameras sind Sammlern historischer Räder gewiss. So viel ist vom ersten Moment an klar, als sich unser rollendes Museum an der Uferpromenade in Friedrichshafen in Bewegung setzt. Kaum ein Tourist, der angesichts eines kompletten Jahrhunderts an Fahrradgeschichte noch Augen für den Bilderbuchblick über den Bodensee hat.

Andreas Karcher nimmt den Trubel gelassen hin. Dass der zweite Vorsitzende des Vereins “Historische Fahrräder” in lockeren Abständen Sammler und Freunde der Fahrradkultur zu einer Bodenseerunde einlädt, hat einen ganz anderen Grund. “Ausfahrten mit alten Rädern bringen ein Stück Langsamheit zurück. Das ist ein angenehmer Gegenpol zur Hektik des modernen Alltags”, schwärmt der Maschinenbauingenieur und tritt in die Pedale seines “Deutschland”-Rads aus dem Jahr 1910. In der Tat: Die aufrechte Sitzposition, weit geschwungene Lenkerformen und Singlespeed sind perfekte Wegbereiter einer Genusstour. Auf einem solchen Velo muss keiner seine Sportlichkeit beweisen.

Gefragt ist vielmehr Stilsicherheit. Alle Fahrer – sie kommen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz – tragen Kleidung aus der Zeit ihres Rades. Andreas Karcher hat Knickerbocker und Schirmmütze zum eleganten Geschäftsrad mit extra hohem Rahmen angelegt, von dem aus man auf andere herabblicken sollte. Ein paar Meter vor ihm lenkt eine Dame ein schwarzes Vorkriegsmodell – mit wehendem Rock, weißer Rüschenbluse und Strohhut, dessen Band fest unterm Kinn geknotet ist. Gut so! Andernfalls würde der Fahrtwind den Kopfputz bald davonpusten.

Unser Klingelkonzert beantworten die Menschen am Straßenrand mit Applaus und verrenken sich die Hälse nach dem seltsamen Tross. Wie oft sieht man schon so viel alte Technik versammelt? Manche Entwicklung hat bis heute überlebt, wie z.B. “Kotschützer” aus Holz, die moderne Menschen als Schutzbleche bezeichnen. Andere Ideen konnten sich nicht durchsetzen, wie die in der Vorderradnabe versteckte Scheibenbremse, mit der Hermann Klaue seine Räder ausstattete.

Jedes Velo erzählt eine persönliche Geschichte. Man muss es nur genau betrachten, um sie zu lesen. Da ist ein 1930er “Styria” mit Schirmhalter und klappbarem Kindersitz, dessen Metallgestänge eine Tortur für kleine Passagiere gewesen sein muss. Und ein “Waffenrad” von 1925 mit Munitionstasche und Kerzenlampe, die Soldaten billiges Licht spendete.

Kratzer und Abnutzungsspuren sind wie die Narben am Körper eines alten Mannes. “Wer diese Gebrauchsspuren mit frischem Lack überpinselt, löscht ein Stück Geschichte aus”, sagt Andreas Karcher. Sein Ziel ist es deshalb, die Räder fahrbereit zu machen und den erhaltenen Lack zum Glänzen zu bringen. Restauriert werden seine Museumsstücke aber nicht.

Das Sammeln ist Last und Lust zugleich. Rund 100 Räder umfasst die private Sammlung von Andreas Karcher, sein Vereinskollege Jürgen Reisch besitzt ganze 40 Velos. “Manche davon sehen toll aus und fahren sich miserabel, oder umgekehrt”, beschreibt Reisch. Dies zu erfahren, sei bei jedem neuen Rad wieder spannend.

Wer selbst aufsteigt, merkt schnell wie komfortabel die alten Räder sind – ganz ohne moderne Technik oder Ergonomieprodukte. Derweil fließt die Zeit ganz gemütlich dahin. Andreas Karcher hat unsere Rückfahrt nach Friedrichshafen per Schiff geplant. Schade eigentlich. Die Tour mit den alten Schätzchen könnte gerne länger dauern. Doch die nächste Bodenseerunde kommt bestimmt. Nur der Zeitpunkt steht leider noch nicht fest.