Eine Familie für Anna

Die Mutter von Anna (2) ist psychisch krank. Deshalb wächst die Kleine bei Pflegeeltern auf. Und die haben das Mädchen längst in ihr Herz geschlossen. Ein Gespräch mit Annas Pflegemutter.

Dieser Artikel wurde im Magazin Leben & erziehen veröffentlicht.

Wie kam Anna* in Ihre Familie?

Unser sehnlicher Wunsch nach eigenen Kindern blieb leider unerfüllt. Als Anna zu uns kam, hatten wir bereits einen zweijährigen Jungen adoptiert und wünschten uns für ihn ein Geschwisterchen. Wir halten Kontakt zu anderen Pflege- und Adoptiveltern. So entstand die Idee, ein Pflegekind aufzunehmen. Es gibt viele Jungen und Mädchen, die ein Zuhause brauchen. In uns wuchs das Gefühl, dass in unserer Familie Platz für so ein Kind ist.

Seit zwei Jahren haben Sie jetzt ein Pflegekind. Wie geht es Ihnen?

Anna ist eine Bereicherung für uns. Wie alle anderen Eltern sehen wir jeden Tag aufs Neue, wie sich unsere Tochter weiterentwickelt. Das ist wunderschön. Darüber hinaus wurde durch Annas Herkunft aber auch ein Randbereich der Gesellschaft Teil unseres Lebens: Annas leibliche Mutter ist durch Sucht, Kriminalität und Armut gezeichnet. Sie ist psychisch krank und wäre gar nicht in der Lage, sich um ein schutzbedürftiges Baby zu kümmern.

Hatte Anna Probleme, sich an ihre neue Familie zu gewöhnen?

Die Kleine wollte anfangs nicht trinken und wirkte für ein Baby extrem in sich zu-rückgezogen. Ich hatte Sorge, dass das an der frühen Trennung von ihrer Mutter und dem Mangel an Körperkontakt liegen könnte. Deshalb habe ich sie in den ersten Monaten ständig im Tragetuch an meinem Körper getragen.

Was weiß Anna von ihrer leiblichen Mutter?

Anna kam mit drei Wochen in unsere Familie. Wir haben vom ersten Tag an sehr offen darüber gesprochen, dass sie nicht in meinem Bauch gewachsen ist, obwohl die Kleine natürlich noch nichts davon verstehen konnte. Inzwischen ist Anna zwei Jahre alt. Ich bin ihre ‘Mama’. Ihre leibliche Mutter nennen wir ‘Bauchmama’ und besuchen sie in lockeren Abständen. Diese Treffen sind nicht immer einfach. Doch Anna zuliebe bemühen wir uns um ein gutes Verhältnis zu ihrer leiblichen Mutter. Ich glaube, das ist ganz wichtig für ein Pflegekind.

Wie läuft das praktisch ab?

Unsere Familie ist für Annas leibliche Mutter anonym. Sie kennt weder unseren Namen noch unsere Adresse. Damit will das Jugendamt unsere Familie schützen. Trotzdem sind die Treffen, die immer in einem Café oder auf einem Spielplatz stattfinden, eine emotionale Belastung: Manchmal versucht Annas Mutter, ihre eigenen Probleme zu unseren zu machen. Sie bettelt beispielsweise um Geld. Die Kunst ist, sich von ihr abzugrenzen, ohne dass sie sich abgelehnt fühlt.

Können Sie dafür ein Beispiel erzählen?

Eines Tages schickte sie Anna ein riesiges Kuscheltier. Es war so abgegriffen und schmuddelig, dass ich das Teil gar nicht in unsere Wohnung bringen wollte. Ich hätte es einfach verschwinden lassen können, Anna hätte nie etwas bemerkt. Doch das wäre Annas Mutter gegenüber nicht richtig gewesen. Also habe ich das Tier in die Waschmaschine gesteckt. Es überlebte die Prozedur und wir haben der „Bauchmama“ einen Dankesbrief geschickt und ein Foto von Anna mit dem Stofftier beigelegt. Die Kleine liebt dieses Tier über alles.

Wer bestimmt über Annas Erziehung, über Besuchsrechte etc.?

Annas Mutter war dem Jugendamt bereits von früheren Schwangerschaften bekannt. Sie konnte keines ihrer Kinder selbst versorgen. Deshalb wurde Anna gleich nach der Geburt von ihrer Mutter getrennt und im Krankenhaus versorgt, bis wir sie abholen durften. Anna ist uns zur Langzeitpflege anvertraut, das Sorgerecht hat ein offiziell bestellter Vormund. In unserem Fall ist das eine Frau, die als Sozialpädagogin arbeitet. Wir haben ein sehr gutes Verhältnis zu ihr und können alltägliche Entscheidungen frei treffen. Wenn ich aber beispielsweise eine Imp- fung verschieben möchte, kläre ich das vorher mit ihr ab. In einem Fall hat Annas Vormund ein geplantes Treffen mit der leiblichen Mutter abgesagt, weil der damalige Zustand der Frau zu belastend für die Kleine erschien.

Haben Sie manchmal Angst, Anna wieder hergeben zu müssen?

Natürlich schwingt diese Angst immer mit. Sollte sich der Zustand von Annas Mutter so bessern, dass sie sich selbst um die Kleine kümmern kann und will, müssen mein Mann und ich das Kind zurückgeben. Ich glaube aber nicht, dass Annas Mutter ihr Leben so gut in den Griff bekommt. Falls doch, würden wir keine Minute unserer gemeinsamen Zeit mit Anna bereuen.

Gehen Sie mit Ihren Kindern in manchen Punkten anders um als andere Eltern?

Wir lesen viel über das Thema Bindung und beobachten unsere Kinder sicherlich genauer als andere Eltern. Im ersten Jahr haben mein Mann und ich beide Kinder ausschließlich alleine betreut – ohne Tagesmutter oder Krippe. Dadurch wollten wir den Kleinen eine möglichst gute Bin- dung an uns ermöglichen. Inzwischen ist unser Alltag ziemlich normal. Ich arbeite in Teilzeit als Lehrerin, Anna besucht eine Krippe und Tim geht in den Kindergarten.

Wie sehen Sie die Zukunft von Anna und Tim?

Ich denke, jedes Kind kommt mit seinem Päckchen zur Welt. Ein leibliches Kind von mir hätte auch sein Päckchen zu tragen, Tim und Anna tragen ein anderes. Natürlich wird ihre Herkunft ihr Lebens- thema sein. Wir versuchen, den beiden genügend Halt und Geborgenheit in unserer Familie zu geben, damit sie später mit ihrer Geschichte umgehen können.

Was würden Sie anderen Paaren, die ein Kind aufnehmen möchten, mit auf den Weg geben?

Pflegeeltern erhalten nicht nur ein süßes Baby, sondern eine anspruchsvolle Aufgabe. Trotzdem sollten sich Paare an dieses schwierige Thema herantrauen. Durch unsere eigene Geschichte habe ich gelernt: Das Leben ist nicht immer dann am schönsten, wenn es am einfachsten ist.

Interview: Angelika Urbach

* Zum Schutz der Familie wurden alle Namen geändert. Deshalb haben wir auch darauf verzichtet, Anna und ihre Familie zu fotografieren.