Neue Wege

Bernhard Knierim ist Autor von „Ohne Auto leben“. Als Berater in einem Abgeordnetenbüro baut er an der Zukunft abgasfreie Städte. Mit seiner Familie lebt er ein Konzept, das diesen Traum verwirklichen könnte. Wie geht das?

Dieser Artikel wurde im Fahrradmagazin MYBIKE, Ausgabe 05-18, veröffentlicht.

Blicken wir zurück ins Jahr 1972. Damals versprach Verkehrsminister Georg Leber jedem Deutschen einen Autobahnanschluss in weniger als zehn Kilometern Entfernung seines Wohnorts. Sechs Jahre später kam Bernhard Knierim zur Welt. Kindheit und Jugend in einer deutschen Kleinstadt, Führerschein mit 18. Autofahren gehörte zur Gesellschaft.

Knierim begann zu studieren. Biophysik. Im Rahmen des Studiums zog er nach Kalifornien – mitten ins Chaos achtspuriger Highways um Los Angeles. „Die Straßen waren riesig. Trotzdem herrschte fast zu jeder Tageszeit Stau“, erinnert er sich. Fahrrad und öffentlicher Verkehr waren nur mit viel gutem Willen nutzbar. Das öffnete dem deutschen Student die Augen. Man sollte das Thema Mobilität neu andenken…

Mobil ohne Verkehr

Mobilität ist nicht gleich Verkehr. „Diese Unterscheidung muss in viele Köpfe erst einsickern“, sagt Dr. Bernhard Knierim, der inzwischen als Experte für Bahnpolitik im Büro der Bundestagsabgeordneten Sabine Leidig arbeitet. Bis heute gleiche Verkehrsplanung vielfach einer Reaktion auf einzelne Engpässe. Ist ein Verkehrswegüberlastet, wird er ausgebaut. Das Problem dabei: Der neue Weg erzeugt noch mehr Verkehr, weil er komfortabel ist. Damit wächst Bedarf für weiteren Ausbau.

Es fehlt eine Strategie, die alle Fortbewegungsmittel gleichermaßen berücksichtigt“, kritisiert der Politik-Berater. Anstelle des Verkehrs sollte diese neue Strategie tatsächliche Mobilitätsbedürfnisse der Menschen in den Mittelpunkt stellen. Was wäre, wenn Verkehrsminister Georg Leber im Jahr 1972 jedem Deutschen den Erhalt eines Lebensmittelladens und einer Arztpraxis in unmittelbarer Nähe der eigenen Wohnung versprochen hätte? Ein Besuch bei Bernhard Bernhard Knierim und seiner Familie und seiner Familie schärft den Blick für die Machbarkeit einer Mobilität ohne Auto.

Rad, Bahn & Car-Sharing

Man könnte mit dem Auto anreisen, doch die Bahn hält nur wenige Meter vom Ziel entfernt. Die genossenschaftliche Wohngemeinschaft „Uferwerk“ befindet sich westlich von Potsdam auf einem ehemaligen Fabrik-Areal an der Havel. Die weitläufige Anlage aus Mehrfamilienhäusern im Niedrigenergiestandard mit gemeinschaftlichem Garten, Bootssteg und Badestrand ist Heimat für rund 100 Erwachsene und 60 Kinder.

Schon in der Planungsphase hatten die künftigen Bewohner des Uferwerks den Wunsch nach einer umweltfreundlichen Mobilität, blickt Bernhard Knierim zurück. Für ihn und seine Frau Simone Holzwarth gab die unmittelbare Nähe zum Bahnhof den Ausschlag, ihre Berliner Stadtwohnung gegen eine kinderfreundliche Umgebung im Grünen zu tauschen. Die Kombination aus Bahn und Rad sei eine ideale, umweltschonende Art der Fortbewegung. Heute gehören zum Mobilitätskonzept der Genossenschaft Angebote wie Lastenrad-Sharing, ÖPNV-Ticket-Sharing und Car-Sharing.

Das Car-Sharing nutzt Bernhard Knierim nur ein paar Mal im Jahr – für Einkäufe im Baumarkt oder im Möbelhaus. Fahrten zur Tagesmutter, in die Kita, zu Freunden und Freizeitaktivitäten unternehmen die Eltern und ihre beiden Kinder (2 und 6 Jahre) mit dem Rad. Der Fuhrpark der Familie umfasst sechs Räder, ein Laufrad, zwei Kindersitze und einen Kinderanhänger. Zur Hochzeit wünschten sich Simone und Bernhard kein Geschirr, sondern das Pino-Tandem von Hase. Das Pino zählt zu den Schmuckstücken auf dem hiesigen Gelände. „Aktuell stocken wir die Zahl der überdachten Abstellplätze für hochwertige Räder auf “, plaudert Knierim, der im Uferwerk den Bereich Technik und Mobilität verantwortet.

Unnötige Wege vermeiden

Wer Verkehr vermeiden will, muss auf unnötige Wege verzichten. Im Uferwerk wird dieser Vorsatz dank kluger Lösungen leicht. Eine davon ist die Foodcoop Gute Luise e.V. Über die Bestellgemeinschaft beziehen die Bewohner selbstorganisiert biologische Lebensmittel direkt von lokalen Bauernhöfen, Produzenten und einem Großhändler.

Diese liefern ihre Waren zum Uferwerk, dort werden sie von den Bewohnern verteilt. Produzenten und Konsumenten kennen sich persönlich. Die Gute Luise e.V. erspart Familie Knierim und den anderen Bewohnern des Uferwerks die Fahrten zum Einkaufen von Lebensmitteln.

Lust am Verzicht

Viele Deutsche könnten sich nicht vorstellen, ganz aufs Auto zu verzichten. Doch einer wie Bernhard Knierim bezeichnet sein Leben ohne Auto glatt als Gewinn. „Ein Leben ohne Auto ist ein Stück Freiheit, das sich ohne die Sorge um Winter- oder Sommerreifen, TÜV und Inspektionen leben darf “, sagt er mit einem Lächeln. Jenen Menschen, die das Auto noch als Notwendigkeit in ihrem Leben wahrnehmen, rät der Politikwissenschaftler zum Auto-Fasten. „Eine Auszeit über vier oder sechs Wochen ist leichter umzusetzen als von heute auf morgen auf das Auto zu verzichten“, sagt er. Gleichzeitig zeige diese kurze Phase relativ schnell alltagstaugliche Alternativen zum Auto auf.

Die 45 Kilometer zu seinem Schreibtisch in Berlin pendelt Bernhard Knierim mit der Bahn. Für ihn schließt sich damit der Kreis zu den Anfängen seines verkehrspolitischen Engagements: Nach seiner Rückkehr aus Kalifornien befand sich Deutschland im Aufruhr gegen den Börsengang der Bahn. Die Kampagnenarbeit im Bündnis „Bahn für Alle“ faszinierte den Biophysiker zunehmend stärker als seine Promotion. Als Bündnis von 20 Organisationen konnte „Bahn für Alle“, als dessen Sprecher Knierim bis heute fungiert, die Privatisierung abwenden. Der junge Doktor der Biophysik sattelte einen Master in Politik obendrauf und machte seine Mission zum Hauptberuf.

Für einen umfassenden Wandel der Mobilität müssen individuelle und politische Faktoren zusammenkommen. Davon ist Dr. Bernhard Knierim überzeugt. Aufgabe der Politik sei es, individuelle Entscheidungen zu begünstigen anstatt sie zu erschweren. Seit dem Wahlversprechen von Georg Leber im Jahr 1972 hat sich bereits einiges verändert.

Vor wenigen Wochen verabschiedete Berlin sein in Deutschland bislang einzigartiges Mobilitätsgesetz. Es betrachtet alle Verkehrsmittel und hat zum Ziel, dass die Berliner auf umwelt- und stadtverträgliche Art und Weise bequem an ihr Ziel gelangen. Menschen wie Bernhard Knierim gibt diese Entwicklung Kraft für ihr Engagement gegen die Auto-Lobby und für Städte mit Grünzonen und freien Spielflächen: „Dann brauchen andere Familien mit kleinen Kindern vielleicht bald nicht mehr aus den Städten wegziehen…“

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